Erstmals in Berührung mit einer Axt kam ich im Alter von ungefähr sechs Jahren, als ich, ohne besondere Absichten, den Keller aufsuchte und die Axt meines Vaters vorfand, die jemand dort hingestellt hatte. Bislang hatte ich sie immer nur gesehen, niemals berührt, denn man hatte mir eingeschärft, sie sei kein Spielzeug für Kinder. Indem ich sie nun erstmals in die Hand nahm und hochhob, erfasste ich, unbewusst freilich, zwei wesentliche Merkmale der Axt, die sie vom Beil unterscheiden, nämlich ihr längerer Schaft und ihr schwereres Gewicht. Damals kannte ich das Wort Axt noch nicht und darum betrachtete ich sie als ein Beil, denn so wurde die Axt in meinem Elternhaus genannt, und als uns, noch im selben Jahr, ein deutscher Verwandter besuchte und unser Beil als Axt bezeichnete, dachte ich, es wäre bloss ein anderes Wort für denselben Gegenstand.
Ein paar Jahre später, als ich genug alt war, um Holz zu hacken, tat ich dies etwas unbeholfen. Da ich den Unterschied zwischen Axt und Beil immer noch nicht kannte, konnte ich auch nicht wissen, dass man eine Axt, im Gegensatz zum Beil, zweihändig führt. Jedoch hatte ich aus dem Film Titantic gelernt, dass man präziser schlagen kann, wenn man den Schaft weit vorne ergreift. Dieses Wissen habe ich oft angewendet. Ich weiss nicht, wann mir der Gedanke kam oder wie ich auf denselben gebracht wurde, dass Axt und Beil keine Synonyme sind, sondern zwei unterschiedliche Begriffe.
Das Verhältnis zwischen Wort und Begriff hat mich oft beschäftigt und lange stellte ich mir dieses Verhältnis als zu einseitig vor, indem ich meinte, man brauche, nachdem man etwas begriffen oder empfunden hat, immer neue Wörter, um es auszudrücken, und nicht erkannte, dass uns ja gerade das Erlernen neuer Wörter auf immer neue Begriffe bringt. Noch später, als ich mich wesentlich öfters mit Büchern als mit Äxten herumschlug, begann mich die Frage zu beschäftigen, ob zwischen Axt und Beil lediglich ein gradueller, oder ein substantieller Unterschied besteht. Ich stellte mir zwei Werkzeugschmiede vor, von denen der eine im Begriff ist, eine Axt zu fertigen, während sich der andere an einem Beil versucht. Nun geschähe es, dass bei ersterem, während er an der Axt feilt und schleift, diese immer kleiner und kleiner wird, während zweiterem das Beil grösser gerät als ursprünglich geplant, und ich wunderte mich, ob es in der Entwicklung dieser beiden Arbeitsvorgänge einen Punkt gibt, an dem beide die gleichen Werkzeuge hervorbringen, von denen man nicht recht weiss, ob man sie nun für Äxte oder Beile halten soll, oder ob sich die beiden Arbeitsvorgänge dergestalt überkreuzen könnten, dass statt der Axt ein Beil und statt dem Beil eine Axt entsteht.
Eine phonetische Untersuchung des Wortes Axt ergibt, dass es 1. mehr Laute als Buchstaben enthält und 2. dass die Aussprache des Wortes eine gewisse Ähnlichkeit mit der Anwendung einer Axt hat. So wie ein Holzfäller seine Axt emporhebt, um damit potentielle Energie aufzubauen, die dann, indem er die Axt niedersausen lässt, auf einen Schlag freigesetzt wird, so wird auch bei den beiden stimmlosen Plosiven, dem x und t, der aufgestaute Luftstrom im Rachen schlagartig freigelassen, wodurch explosionsartig Klang entsteht. Der Klang des Wortes führt uns also, ähnlich wie bei einem Onomatopoetikum, zu der Bedeutung hin, anders als beim Wort Beil, dessen Weichheit nichts mit der Tätigkeit, zu der man ein Beil braucht, gemein hat, und diese Diskrepanz zwischen Bedeutung und Klang, so wirkt es zumindest im Schweizerischen, versuchen manche Leute zu überwinden, indem sie dem B seine Stimmhaftigkeit nehmen und es fast wie ein P aussprechen, eine Art sprachlicher Ausfallschritt, etwa so, wie wenn man an einem regnerischen Tag durch die Fussgängerzone geht und einen langen Schritt macht, um jenseits der Pfütze wieder halbwegs trockenen Boden unter die Füsse zu bekommen.
Wer weiss, wie viele Stunden meines Lebens ich, scheinbar apathisch auf dem Bett oder Sofa gelegen bin und über solche Fragen nachgesonnen habe, und es gab Leute (nicht viele, aber es gab sie), die sagten: Er denkt zu viel, er sollte mehr aus sich machen, und als mich einmal jemand fragte: Was denkst du eigentlich, wenn du denkst? – da wusste ich nichts zu antworten, denn das, was ich damals dachte, war noch nicht spruchreif. Doch bereue ich keine Minute meines Lebens, die ich so nachsinnend zugebracht habe.