Es gab eine Zeit, da war ich ein redlicher Bürger dieses Landes. Wollte ich eine Zwiebel halbieren, so legte ich sie auf ein Holzbrettchen, hielt sie mit Daumen und Zeigefinger fest, führte das Messer durch den Triumphbogen, den meine Finger gleichsam bildeten, und schnitt die Zwiebel entzwei, der Sprossachse entlang, alles andere hätte ich als unerhört empfunden.
Es gab eine Zeit, da war ich ein redlicher Bürger dieses Landes. Ich zahlte meine Steuern, grüßte die Nachbarn, mähte samstags den Rasen und glaubte, die Welt ließe sich in ordentliche Schubladen sortieren. Recht und Unrecht, Freund und Feind, Gestern und Morgen — alles schien klar genug, um sich darauf verlassen zu können.
Heute wende ich freilich weniger elegante Methoden an. Nachdem ich die Zwiebel geschält habe, beisse ich in sie hinein wie in einen Apfel.
Doch die Gewissheiten begannen zu bröckeln, erst kaum merklich, dann unübersehbar.
Dass die Zwiebel ihr trostloses Dasein in der Küchenschublade nicht einfach hinnimmt und wie eine Karotte verschrumpelt, sondern dagegen revoltiert, indem sie austreibt, fand ich unverschämt und erinnerte mich an jene Anarchisten, die mit ihrer renitenten Gesinnung die öffentliche Sicherheit gefährden.
Es waren kleine Dinge: ein Beschluss, der niemandem zu erklären war; ein Versprechen, das ohne ein Wort zurückgenommen wurde; ein Blick des misstrauischen Polizisten, der mir plötzlich länger folgte, als irgendein Blick es sollte.
Diese Anarchisten haben mir viele schlaflose Nächte bereitet, immerzu fürchtete ich, ein Anarchist könnte mich in meinem Schlaf stören. Unter einem Anarchisten stelle ich mir eine Person vor, die ihre Unzufriedenheit mit sich selbst, anstatt vor der eigenen Tür zu kehren, auf den Staat projiziert.
Ich erinnere mich noch genau an den Abend, an dem ich zum ersten Mal daran zweifelte, noch Teil eines Ganzen zu sein. Der Regen fiel in dünnen Fäden, und die Strassen laternen warfen blasse Kreise auf den Asphalt.
Käme eine solche Person erstmal dahin, in Einklang mit sich selbst zu leben, fügte sie sich nahtlos in unser staatliches Gemeinschaftswesen ein.
Ich stand unter dem Vordach des Gemeindehauses, hörte die gedämpften Stimmen von drinnen und fühlte mich, als hätte jemand leise die Tür hinter mir geschlossen.
Aber versuchen Sie mal, das einem Anarchisten zu erklären, mit denen kann man nicht reden, darum bin ich froh, niemals einen Anarchisten getroffen zu haben, ich hätte mich ja doch nur aufgeregt.
Es begann nicht mit einem grossen Ereignis, sondern mit einer Flut kleiner Zumutungen. Mit jeder Woche schienen neue Regeln aufzutauchen, unausgesprochen und doch bindend.
Vermutlich ist mein Zahnarzt ein heimlicher Anarchist. Er fährt eine Harley-Davidson und hat ein Tattoo am Hals. Das ist schon sehr verdächtig. Mir wurde angst und bange, als ich auf dem Behandlungsstuhl darniederlag und er mit seinen Instrumenten herumzuhantieren begann.
Manche Freunde passten sich an, andere lachten darüber – aber das Lachen klang hohl, als würde es an einer Wand zurückprallen, die wir alle spürten und doch keiner sehen wollte.
Als er sich mit seinem Gesicht über meinen weit geöffneten Rachen beugte, konnte ich es mir nicht verkneifen, kräftig auszuhauchen. Hei! rief er. Da kommen einem ja die Tränen! Haben Sie eine Zwiebel gegessen? Zwei, auf dem Hinweg, als wären es Äpfel.
Ich selbst tat zunächst, was man eben tut: Ich ignorierte die Zeichen. Sagte mir, es sei nur eine Phase, ein Irrtum, eine Welle, die sich legen würde.
So habe ich einen Anarchisten, falls der Zahnarzt tatsächlich einer ist, zum Weinen gebracht. Ich solle die Zähne putzen, meinte er. Nach einer kurzen Kontrolle entliess er mich wieder. Alles in Ordnung. Meine Zähne haben mich noch nie im Stich gelassen.