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Lucretia und Josef

Posted on 15. November 202223. April 2023 by Michael Moleiro

Zwei Figuren, die, unabhängig voneinander, unsere europäische Kunst- und Kulturgeschichte entscheidend mitgeprägt haben, sind Lucretia und Josef. Durch ihre unermüdliche Rezeption haben sich gewisse Ansichten und Vorurteile verfestigt, deren Überwindung uns nun schon seit mehreren Jahrzehnten beschäftigt. In ihrem lesenswerten Buch Das Sichtbare und das Unsichtbare hat die Kunsthistorikerin Daniela Hammer-Tugendhat diese Thematik anschaulich herausgearbeitet. In ihrem Buch geht es um wesentlich mehr als um die holländische Malerei des 17. Jahrhunderts, wie der Untertitel vermuten lässt.

Lucretia lebte ungefähr 500 Jahre vor unserer Zeitrechnung in der Nähe von Rom und galt als tugendhafte Frau – und sie gefiel dem Königssohn Sextus Tarquinius, der sie nachts in ihrem Schlafzimmer aufsuchte und mit einem Dolch bedrohte. Sie aber wollte lieber sterben als ihrem Ehemann untreu werden. Daraufhin sagte Sextus Tarquinius, er werde sie, nachdem er sie vergewaltigt habe, töten, danach den nackten Leib eines toten Sklaven neben sie legen, und dann behaupten, er, Sextus Tarquinius, hätte sie beim Ehebruch erwischt. In dieser Not gab sich Lucretia ihm hin. Nachdem Sextus Tarquinius abgereist war, schickte sie nach ihrem Vater und ihrem Ehemann. Als diese sie zutiefst betrübt vorfanden und fragten, ob denn „nicht alles gut stehe“, sagte sie: „Ganz und gar nicht! Wie kann es gut um ein Weib stehen, die (sic) ihre Ehre verloren hat? … Doch nur der Körper ist entweiht; die Seele ist rein; das soll mein Tod bezeugen … Keine nach mir soll, auf Lucretien sich berufend, bei Unkeuschheit das Leben behalten wollen.“1 Dann nahm sie einen Dolch unter ihrem Kleid hervor und stach sich ins Herz.

Dieser Mythos, dass eine „entehrte“ Frau keine Daseinsberechtigung hätte, entwickelte sich über 2000 Jahre lang in einer schier unüberschauberen Dynamik fort, indem die Geschichte von Lucretia in der Malerei, Theater und Literatur immer wieder neu interpretiert und reproduziert wurde. Hammer-Tugendhat stellt fest, im Gegensatz zum Kunsthistoriker Jan Follak, dass diese Geschichte eben nicht eine „Wahrheit“ beschreibt, sondern dass sie „Norm- und Wertvorstellungen“ produziert, die „über eine longue durée verinnerlicht wurden und bis heute reproduziert werden.“2 Im 14. Jahrhundert behauptete Coluccio Salutati, dass eine Frau die Schuld für ihre Vergewaltigung in sich selbst suchen müsse3, eine Ansicht, die leider noch heute nicht ganz ausgerottet ist.4 Und Salutati schürte sogleich noch einen weiteren Mythos, nämlich „dass Frauen Lust an ihrer Vergwaltigung empfinden“5. Sogar D.H. Lawrence im 20. Jahrhundert bediente sich diesem Mythos, indem er im 12. Kapitel seine „Lady Chatterley“, nachdem sie die „Verrichtung“ (function) innerlich erstarrt über sich hat ergehen lassen, dann doch noch – welch eigenartiges Wunder – in „marvellous peace“ dahinschmelzen lässt, bis sie sich klein, anschmiegsam und wonnevoll ihrem etwas rüpelhaften Liebhaber, den sie neuerdings wie eine „flame of desire“ fühlt, ganz hingibt.6 In Anbetracht solcher schwülstigen, von männlicher Phantasie dominierten Darstellungen bilden die unsentimentalen und unbeschönigten Szenen, wie beispielsweise im Roman Jessica, 30 von Marlene Streeruwitz oder Zorngebete von Saphia Azzeddine, einen wichtigen Kontrapunkt.

In der Renaissance entwickelte sich ein richtiggehender Lucretiakult, sie avancierte zum Lieblingssujet für Wäschetruhen (Mitgift) und viele Mädchen wurden auf den Vornamen Lucretia getauft, ständig sollten die Frauen daran erinnert werden: Lieber den Tod als Unkeuschheit.7

Beispielhaft sind hier zwei Darstellungen von Lucretia aufgeführt: vom holländischen Maler Rembrandt van Rijn (1606-1669) und von der italienischen Malerin Artemisia Gentileschi (1593-1654). Beiden Gemälden ist gemein, dass sie die Figur der Lucretia isoliert, aus dem Kontext herausgelöst darstellen (dunkler Hintergrund). Insbesondere der gewalttätige Mann ist aus dem Bild verschwunden8 (vgl. Gemälde von Tizian, 1571)9.

Rembrandt van Rijn
Lucretia (1664)10
Artemisia Gentileschi
Lucretia (1625)11

Rembrandt näherte seine Darstellung der ursprünglichen Geschichte an, indem er Lucretia bekleidet malte, denn sie zog ja den Dolch unter ihrem Kleid hervor (in zahlreichen älteren Gemälden wurde Lucretia nackt, manchmal in lasziver Pose, dargestellt, mit dem Dolch in der Hand, z.B. von Lucas Cranach d. Ä.). Jedoch wirkt Lucretia bei Rembrandt schwach, verzweifelt, fast kindlich. Gentileschi verzichtete auf das Klischee der „schwachen“ Frau und malte sie kräftig, entschlossen, und entscheidungsfähig, so dass Hammer-Tugendhat pointiert bemerkt, sie „könnte nur den Dolch nehmen und ihn dem Betrachter ins Gesicht werfen.“12


Josef, so lesen wir im 39. Kapitel des 1. Buch Mose, kam nach Ägypten und Potifar, ein Hofbeamter des Pharaos, kaufte ihn als Sklaven. Er arbeitete zuverlässig und gewann rasch Potifars Vertrauen. Da Josef „von schöner Gestalt und schönem Aussehen“13 war, wurde bald auch Potifars Frau auf ihn aufmerksam und sagte zu ihm: „Liege bei mir!“. Er weigerte sich und sie redete fortan Tag für Tag auf Josef ein, aber er sagte: „Wie könnte ich da ein so grosses Unrecht begehen und gegen Gott sündigen?“ Als sie alleine zu Hause waren, packte sie ihn, forderte ihn erneut zum Beischlaf auf, er entwand sich ihr, floh und liess sein Gewand in ihrer Hand zurück. Daraufhin, enttäuscht über Josefs Abweisung, beschuldigte sie ihn, er hätte „seinen Mutwillen“ mit ihr treiben wollen. Josef landete im Kerker.

Ein tugendhafter Mann wird von einer Frau zu Unrecht der Vergewaltigung beschuldigt. Zahlreiche Künstler haben dieses Motiv immer wieder aufgegriffen, es gibt Darstellungen von Rembrandt, Tintoretto, Murillo, Guido Reni, Giovanni Lanfranco und vielen weiteren Malern. Lucas Cranach verwendete die Josefgeschichte, um das 10. Gebot zu illustrieren („Du sollst nicht die Frau deines Nächsten begehren“14), und Luther wiederum verwendete diese Illustration in seinem Grossen Katechismus. So fand Josef und Potifars Frau im 16. Jahrhundert massenhafte Verbreitung.15

Felice Ficherelli (1605-1660). Museum of Fine Arts, Budapest.16
Orazio Gentileschi (1563-1639, Vater von Artemisia). Hampton Court Palace, London.17

Bei Gentileschi, kennte man den Kontext nicht, würde man wohl kaum auf die Idee kommen, es handele sich um eine „Flucht“, eher wirkt es, als würde Josef auf ein einvernehmliches Schäferstündchen zurückblicken, während ihm seine Liebhaberin den vergessenen Umhang nachreicht. Etwas glaubhafter wirkt die Szene bei Ficherelli. Zu beachten ist der kleine Hund, der in der Malerei oft als Symbol für Loyalität eingesetzt wurde.18

Interessant ist, dass die Geschichte von Josef und Potifars Frau auch im Koran vorkommt, dort aber eine andere Wendung nimmt. Josef (Yusuf) kann seine Unschuld beweisen, weil sein Hemd hinten zerrissen ist – im Kerker landet er trotzdem, einfach aus dem Grund, weil er ein attraktiver Mann ist und somit eine „Gefahr“ für die Frauen darstellt: Einige Frauen, als Yusuf erschien, während sie Obst schnitten, „schnitten sich (vor Staunen mit dem Messer) in die Hand“19. Die Figur des Potifars heisst im Koran Aziz, seine Frau, die im Koran ebenfalls namenlos bleibt, ist in der islamischen Literatur als Zulaikha bekannt.20

Zuletzt möchten wir auf die Vorlesung KUNSTGESCHICHTE hinweisen, die auf YouTube verfügbar ist und einen sehr eindrücklichen Überblick „Von der Entstehung der Kunst in der Urgesellschaft zur Mitte des 19. Jahrhunderts“ bietet.21 In der heutigen, teilweise etwas erhitzten Debattenkultur, wirkt Daniela Hammer-Tugendhats sachliche und nüchterne Art geradezu heilend. Auf den ersten Blick etwas altmütterlich, erweist sie sich rasch als äusserst kompetent, scharfsinnig und pragmatisch, ohne sich in den Dienst irgendeiner Ideologie zu stellen.



Kunstgeschichte – 20. Vorlesung
DIE MALEREI IN HOLLAND UND FLANDERN IM 17. JAHRHUNDERT


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1 Livius, Titus. Römische Geschichte (1. Buch, 57. Kapitel). Friedrich Vieweg. projekt-gutenberg.org

2 Hammer-Tugendhat, D. (2009). Das Sichtbare und das Unsichtbare: Zur holländischen Malerei des 17. Jahrhunderts (p. 57). Böhlau Verlag.

3 Salutati, C. Declamatio Lucretie, 10. Nach Follak, J. (2002). Lucretia zwischen positiver und negativer Anthropologie (p. 121).

4 frauennotruf-heidelberg.de/sexualisierte-gewalt-und-vergewaltigungsmythen

6 gutenberg.net.au/ebooks01/0100181h.html#ch12

7 Hammer-Tugendhat, D. (2009). Das Sichtbare und das Unsichtbare (p. 63).

8 siehe dazu Kapitel Zum Verschwinden der männlichen Protagonisten aus dem Feld der Repräsentation (p. 15) in Das Sichtbare und das Unsichtbare.

9 de.wikipedia.org/wiki/Lucretia#/media/Datei:Tizian_094.jpg

10 nga.gov/collection/art-object-page.83.html

11 en.wikipedia.org/wiki/Lucretia_(Artemisia_Gentileschi,_Milan)

12 Hammer-Tugendhat, D. (2009). Das Sichtbare und das Unsichtbare (p. 91).

13 bibleserver.com/EU/Gen39

14 bibleserver.com/EU/2.Mose20%2C17

15 Hammer-Tugendhat, D. (2009). Das Sichtbare und das Unsichtbare (p. 103).

16 mfab.hu/artworks/joseph-and-potiphars-wife-2

17 rct.uk/collection/405477/joseph-and-potiphars-wife
Bild (Public Domain): commons.wikimedia.org/ … Gentileschi_002.jpg

18 thecollector.com/dogs-in-art

19 orpuscoranicum.de/…sura/12verse/31/print

20 en.wikipedia.org/wiki/Yusuf_and_Zulaikha

21 youtube.com/watch?v=xxhyRx11EZk

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