Aus familiären Gründen verweilte ich ein paar Tage in einem fränkischen Landhotel. Besser, ich sage nicht, welches Hotel es genau war, denn ich habe dort etwas mitgehen lassen (geklaut is fraali[1] a zu starka Ausdruck). In der Lesestube entdeckte ich, zwischen verstaubten Bänden von Karl May und ähnlichen Büchern, ein unscheinbares Taschenbuch von 1961, der Umschlag gestaltet vom Schweizer Grafiker Celestino Piatti2. Der Mensch und die Leute von José Ortega y Gasset. Ich schaute mich um, auf der Etage war es ganz still – und schon war das Buch in meiner Tasche verschwunden. Ich wusste, dass die deutschsprachigen Ausgaben von Ortega y Gassets Büchern teilweise vergriffen und nicht so leicht zu bekommen waren.

Wenige Jahre zuvor, nachdem ich von der Universitätsbibliothek eine Abholeinladung bekommen hatte, teilte mir der freundliche Herr von der Ausleihe mit, dass etwas nicht geklappt habe – mein bestelltes Buch, ebenfalls von Ortega y Gasset, war nirgends aufzufinden. Zwei Tage später, als ich erneut hinging, händigte er mir das Buch mit der Bemerkung aus, ich wäre vermutlich die erste Person, die dieses Buch ausleiht und deshalb hätte es im ersten Anlauf nicht geklappt. Es freute mich, dass dieses Buch in den Bibliothekskatakomben fast ein halbes Jahrhundert lang auf mich gewartet hatte. Dass dieser Autor offenbar nicht mehr so oft gelesen wird, machte mich umso neugieriger.
Der Spanier José Ortega y Gasset unterrichtete an der Universität Complutense Madrid von 1910 bis 1936 Philosophie und Logik. Nach Jahren im Exil hielt er sich ab 1948 bis zu seinem Tod 1955 wieder regelmässig in Madrid auf.3 Das Buch Der Mensch und die Leute entstand während einem Zeitraum von 20 Jahren und entspricht inhaltlich einer Vorlesung, die er 1949/504 in Madrid hielt. Es war sein letztes Buch und es blieb unvollendet.
Ortega y Gasset nähert sich in diesem Buch den grossen Begriffen wie Mensch, Gesellschaft, Staat, etc., indem er Alltägliches und die alltägliche Sprache beobachtet und untersucht. Wie grüssen wir uns? Welche Gesten sind in welcher Situation angebracht? Welche kulturellen Unterschiede gibt es dabei? Welchen Redensarten bedienen wir uns? Wie sind wir zu unseren Bräuchen und Gewohnheiten gekommen und was für eine Bedeutung haben sie? Wie hängen Brauch und Häufigkeit zusammen? So gilt beispielsweise die Atmung, obschon wir rund zehn Mal pro Minute atmen, nicht als Brauch, während die römischen ludis saeculares, die nur alle 100 Jahre veranstaltet wurden, durchaus als Brauch zu bezeichnen sind.5 Durch zahlreiche historische, kulturelle und etymologische Beispiele und Vergleiche zieht er immer weitere gedankliche Kreise, bis er schliesslich auch die grossen Begriffe zu fassen bekommt.
Im Spanischen gibt es das Adverb ahí, um denjenigen Bereich zu bezeichnen, der sich weder hier noch dort befindet, also etwas, das nicht ganz hier bei mir ist, aber doch nahe bei mir, also nicht dort. Ein so treffliches Wort haben wir im Deutschen leider nicht. Befindet sich eine spanisch-sprechende Person in einer scheinbar ausweglosen Situation, so pflegt sie zu sagen estoy entre la espada y la pared – es bleibt also noch die Wahl zwischen Wand und Degen. We, nous, nós – mit „wir“ meinen wir uns, du und ich, und wer sonst noch dazugehört, wer auch immer. Im Spanischen sagt man nosotros, wir anderen, man betont also, dass es andere gibt, die nicht zu uns gehören (oder wir nicht zu ihnen).
Im 17. Jahrhundert entschied sich die französische Aristokratie, dem fortschreitenden Konsonantenschwund entgegenzuwirken, indem sie die Sprache zu normieren begann. Die Leute reden eben, wie ihnen „der Schnabel gewachsen ist“ und Konsonanten schluckt man so gern wie Rotwein.[6] Palabolare wurde zu parler, oculus zu oeil, augurium zu heur, und so entwickelten sich im Französischen zahlreiche Homophone wie air, aire, ère, erre, hère, haire7 („Liesse man die Lautgesetze ungehindert walten, so blieben von einer Sprache am Ende nur noch Einsilbler übrig.“8). Was die Normierung der gesprochenen Sprache betraf, so orientierte man sich dabei am „honnête homme“, massgebend war der gesellige Mensch, der leicht und schnell spricht, und angenehm anzuhören sein will.[9] In Gesellschaft kommt es oft nicht so sehr darauf an, was man sagt, sondern wie man spricht. Aus der Situation, in der jemand ein mehrdeutiges Wort äussert, erschliesst sich meist, was die oder der Sprechende damit meint. Anders bei der Schrift. Da sie in unterschiedlichsten Kontexten gelesen wird, sollten die Wörter möglichst eindeutig sein, und so nahm sich die Oberschicht – Gelehrte und Schriftsteller – der geschriebenen Sprache an.9 Während meiner Schulzeit habe ich mich oft gefragt, warum man im Französischen die Wörter anders ausspricht als schreibt. Diese Diskrepanz hat mir viel Mühe bereitet. Aujourd’hui, je parle comme mon bec a grandi.
So erhellend seine sprachlichen Analysen sind, in manchen Passagen entpuppt sich Ortega y Gasset als unverbesserlicher Patriarch. Zu Simone de Beauvoirs Werk meint er herablassend, ihre „seitenlangen Ausführungen über die Biologie der Geschlechter“ seien „unerspriesslich und überflüssig“ und er betrachtet „die Frau … als Literaturgattung oder als traditionelles Motiv der bildenden Kunst“. Schliesslich will er uns dazu bringen, „ohne dabei zu erröten (denn dies wäre ein Zeichen von Snobismus), von der Frau ruhig wieder als vom ,schwachen Geschlecht‘ zu sprechen“.11 Wer sich die Frauen so arg schwachreden muss, hat wohl einiges zu befürchten.
Indem sich Ortega y Gasset für eine „Theorie des Sagens“12 starkmachte und sich mit der Alltagssprache beschäftigte, stand er in einer philosophischen Tradition, wie sie zur damaligen Zeit auch in Oxford en vogue war.13 Jedoch wies er darauf hin, dass eine solche Theorie, sofern man mit ihr die Sprache „bis in ihre tiefsten Wurzeln hinein verstehen will“, auch das Verschwiegene miteinbeziehen muss, denn wir müssen uns „zunächst einmal darüber klar sein, dass Sprechen vor allem aus Verschweigen besteht“. Darum schweige ich jetzt und verschweige damit manches, was mir dazu noch „auf der Zunge“ liegt. Das Büchlein ist zu meinem treuen Begleiter geworden und ich lese gerne hin und wieder mal darin.