Wir wissen nicht, wo der Schiffsbauingenieur Álvaro de Campos, der nicht nur Schiffsrümpfe dichtete, seine Sommerfrische verbrachte, möglicherweise in Tavira, wo er am 15. Oktober 1890 zur Welt gekommen war. Bei seiner Geburt war er 23 Jahre alt, mass einen Meter 75 und soll an seinem leicht gebückten Gang zu erkennen gewesen sein. Er studierte in Schottland und lebte eine Zeitlang in Newcastle upon Tyne, von wo es ihn schliesslich nach Lissabon verschlug. 1925 gab er auf dem Terreiro do Paço ein exzentrisches Interview, in dem er zur augenblicklichen Situation in England meinte: „Was die Industrie betrifft, heute äusserst schlecht, und folglich morgen politisch ebenso schlecht.“ Proletarische Kräfte und Bolschewismus tat er als „reine Mythen“ ab und Portugal bezeichnete er als „Finanzplutokratie dümmster Art.“ Schliesslich schlug er vor, sich dem „zukünftigen israelischen Imperium“ anzuschliessen. Nach dem Interview fuhr er mit dem Schnellzug in die Algarven.1

Poesie und Prosa
FISCHER Taschenbuch
Nachdem er eine dekadente, eine sensationistische und eine metaphysische Phase (in der er u.a. das Gedicht Tabacaria schrieb) durchlaufen hatte, trat er 1931, mit nur gerade 41 Jahren, in den Ruhestand und kehrte nach Tavira zurück. An die Stelle seiner giftigen politischen Kommentare und seiner launischen, manchmal etwas trunkenen Oden2 traten Angst, Resignation und Ekel, die „über den Rand ihres Gefässes“3 traten. In seinem letzten Lebensjahr, schon fast gänzlich entkräftet, verfasste er das Gedicht Sommerfrische, das wir hier auszugsweise wiedergeben:
Ich kam hierher, um Ruhe zu finden,
Doch ich vergass, mich zu Hause zurückzulassen
Ich brachte den tiefsitzenden Stachel der Bewusstheit mit mir
Den diffusen Ekel, die dubiose Krankheit des Mich-Fühlens
Immer diese Ruhelosigkeit, stückweise verzehrt
Wie trockenes Graubrot, das im Fallen zerbröckeltRotwein oder Weisswein, einerlei: es ist zum Kotzen.
Poesie und Prosa (p. 336)
In einer Zufallsnotiz vom November 1935 hielt er fest, dass „der überragende Dichter sagt, was er tatsächlich fühlt. Der mittelmässige Dichter sagt, was er beschliesst zu fühlen. Der drittklassige Dichter sagt, was er glaubt fühlen zu müssen. Doch nichts von alledem hat mit Aufrichtigkeit zu tun.“4 Niemand weiss, was er selbst wirklich fühlt.
1 Campos de, Álvaro. Poesie und Prosa (p. 403). FISCHER Taschenbuch.2 FIFTEEN MEN ON THE DEAD MAN’S CHEST. YO-HO-HO AND A BOTTLE OF RUM! He-ahoy-he-he-hee! He-he-he-he! He-ahoy-he-he-hee! – Meeresode in Poesie und Prosa (p. 67).
3 ebd. (p. 324)
4 ebd. (p. 422)