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Das Langeweile-Zimmer

Posted on 15. November 20221. Januar 2023 by Michael Moleiro

Nachdem die geschmückten Kühe das Dorf passiert und man ihre feuchten Hinterlassenschaften weggespült hatte, ging ich über die Hauptgasse und schaute mich im Bücherladen um. Ich suchte nichts Besonderes. Ein nachdenklich blickender Schwingerkönig forderte mich auf, gross zu träumen. Unten im Regal, knapp über dem Fussboden, viel mir ein dunkelviolettes Buch auf: Der nutzlose Mann von Yoshiharu Tsuge. Ich nahm das Buch, klappte es auf und las: HALT! Der nutzlose Mann ist ein Manga, der in japanischer Leserichtung veröffentlicht wird. Also drehte ich das Buch um und klappte das Cover von links nach rechts auf.

Die erste Geschichte handelt von einem Mann, der sich, ungefähr zehn Minuten von seiner Wohnung entfernt, in einem ehemaligen Bordell ein Zimmer gemietet hat. Hin und wieder fährt er mit dem Velo dorthin, um sich zu langweilen. Er liegt einfach nur da und träumt vor sich hin. Falls er gross träumt, müsste das auch dem Schwingerkönig gefallen. Ich jedenfalls war vom Langeweile-Zimmer angetan.

Ogawa im
Langeweile-Zimmer (p.9)

Als ich den jungen Verkäufer auf das Buch ansprach (ich weiss nicht mehr, was ich ihn fragte), sagte er, dass man das Buch auf seinen Wunsch hin ins Sortiment aufgenommen habe, es sei „seine“ Entdeckung gewesen, und er freute sich darüber, dass mir das Buch ebenfalls gefiel. Noch heute bin ich diesem Verkäufer, dessen Namen ich nicht kenne, dankbar.

Zeichnung aus der
titelgebenden Geschichte
(p.232)

Die letzte Geschichte Verflüchtigung handelt unter anderem vom Leben des japanischen Dichters Inoue Seigetsu (1822 – 1887)2, mit dessen wunderschönem Sterbehaiku das Buch endet: Dunst, Dunst, irgendwo hört man… ..die Schreie der Kraniche…

Der nutzlose Mann erschien erstmals 1985/86 in Japan. Die deutschsprachige Ausgabe liegt seit 2020 im REPRODUKT Verlag vor. In den schlicht und präzise gezeichneten Geschichten gehen die Tagträumereien zuweilen in verstörende Halluzinationen über, immer vor dem Hintergrund eines harten, brotlosen Alltags. Trauer, Verzweiflung und der tägliche Wahnsinn werden nicht herausposaunt, sondern sind immer still präsent, in Blicken, halbgesenkten Augenlidern, verschränkten Armen, im Herumsitzen (mit angezogenen Beinen), im Herumliegen, in hängenden Schultern, verzogenen Mäulern, in Schweisstropfen und geflickten Kleidern. Das Nachwort Wo ist Yoshiharu Tsuge?1 von Ryan Holmberg führt uns sehr empathisch an diesen geheimnisvollen zeichnenden Poeten heran, der 1937 in der Nähe von Tokio geboren wurde und sich zeitlebens immer wieder „verflüchtigte“ (johatsu), irgendwo herumstromerte, niemand wusste wo, bis er irgendwann wieder auftauchte – zum Beispiel in einem Bücherladen in Appenzell.



1 Tsuge, Yoshiharu (2020): Der nutzlose Mann (p. 396). Berlin: REPRODUKT.

2 japanese-wiki-corpus.org/person/Seigetsu…


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