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Wer Klartext redet…

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Schiffsbekanntschaften

Das Angenehme auf einem Fährschiff ist, dass es nichts zu tun gibt, und vielleicht ist das mitunter ein Grund dafür, warum auf einem Schiff so leicht neue Bekanntschaften entstehen, viel eher als während einer Zugfahrt, im Flugzeug oder auf einer Autobahnraststätte. Über die Gründe dieser Bekanntschaftsfreudigkeit bin ich mir nie ganz klar geworden. Alle möglichen Gründe, die mir spontan einfallen, treffen auch auf andere Verkehrsmittel zu: die simple Tatsache, dass man sich im selben Fahrzeug befindet, möglichereweise das gleiche Reiseziel hat, dass man, käme es zu einem Unglück, eine Schicksalsgemeinschaft bilden würde, usw. Jedoch wird der Kopf nirgends so gut durchlüftet wie auf einem Schiff, munter geht man herum, planlos, vom Backbord zum Steuerbord, vom Bug zum Heck, man erkundet die zahlreichen Decks, um herauszufinden, wo sich was befindet. Diese Erkundungsfreudigkeit wird es wohl sein, die einen geradezu in neue Bekannschaften hineintreibt. An jede einzelne Schiffsreise, die ich unternommen habe, erinnere ich mich wesentlich deutlicher als an alle meine Auto-, Zug- oder Flugreisen. Auf jeder Überfahrt habe ich mindestens einen Menschen getroffen, von dem ich eine Geschichte erzählen könnte, sogar Menschen, die ich nur gesehen habe, ohne auch nur ein Wort mit ihnen zu wechseln, erscheinen mir manchmal so lebhaft in meiner Erinnerung wie alte Bekannte. Zwischen Piräus und Naxos, auf dem Aussendeck, wo alle Oberflächen mit einer feuchten Salzschicht überzogen sind, sass ich mit einer norwegischen Familie am Tisch. Sie schwärmten von Santorini, wo sie hinwollten. Die Frau erzählte von ihrem letzten Urlaub auf Santorini, aber ich weiss nicht mehr, was sie an der Insel so begeisterte, im Vergleich zu anderen Inseln. Der Vater, ein Ingenieur, sass mir gegenüber, neben ihm seine Frau und neben mir ihre Tochter, die ungefähr dreizehn Jahre alt war. Es waren grossgewachsene Menschen, mit hellen Haaren und kantigen Gesichtszügen. Wie jeder Ingenieur, den ich bislang getroffen habe, erkundigte sich der Vater nach meinem Beruf und war erfreut darüber, dass ich ebenfalls einen technischen Beruf ausübte. Die Tochter sass die ganze Zeit über schweigend neben mir. Sie wirkte nicht gelangweilt, eher hochanständig, wie sie so dasass. Ich schaute sie nur zwei, drei Mal kurz an, da es sich nicht schickt, junge Mädchen anzustarren. Auf einmal rutschte sie ein wenig von mir weg und legte sich seitlich auf die weisse Bank. Ihren Kopf platzierte sie direkt neben meinem Oberschenkel, auf einem zusammengeknüllten Tuch, so dass ihre Haare über mein Bein wehten. Ich unterhielt mich weiterhin mit den Eltern, als wäre nichts, aber ich war darüber erstaunt, dass sich ihre Tochter so unbekümmert neben einen ihr unbekannten Menschen hingelegt hatte. Ich schaute auf ihren Kopf herunter. Sie lag ganz ruhig mit geschlossenen Augen da. Die Eltern schienen über das Verhalten ihrer Tochter nicht irritiert zu sein. Als sich das Schiff dem Hafen von Naxos näherte, stand ich auf und verabschiedete mich. Noch heute, Jahre später, denke ich oft an das schlafende Mädchen.

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