Geht man von Cais do Sodré über die Rua Vítor Cordon zur Rua Garrett hoch, so kommt man am Largo da Academia Nacional de Belas Artes vorbei, auf dem sich Kunststudenten spielend oder lesend die Zeit vertreiben oder manchmal mit filmischen Experimenten beschäftigt sind. In der Mitte des Platzes befindet sich ein schräg gewachsener Baum, von dem ich vermute, dass es sich um einen Japanischen Schnurrbaum handelt. Man hat von dort einen schönen Ausblick auf die Altstadt und den Praça do Comércio. Die Strasse (Vítor Cordon1) ist nach einem Leutnant der portugiesischen Armee benannt, der Ende des 19. Jahrhunderts nach Ostafrika entsandt wurde, um das Gebiet des heutigen Mosambik zu erkunden und dabei die portugiesischen Interessen in dieser Region durchzusetzen. Warum er bei seiner Rückkehr zum Nationalhelden (benemérito da Pátria) erklärt wurde, ist nicht ganz klar, denn grosse Erfolge hatte er keine vorzuweisen. Das Britische Ultimatum an Portugal von 1890 hatte ihn zum Rückzug gezwungen.2 3
Eigentlich wollte ich etwas anderes erzählen. An einem regnerischen Wintertag fand ich, etwas unterhalb des Platzes, unter dem winzigen Vordach eines Restaurants Schutz. Auf der anderen Seite der Strasse, die an dieser Stelle recht steil ist, befindet sich ein schmaler Gehsteig, auf dem von unten her eine Frau hochging, von oben kam ihr ein junger Mann entgegen. Beide mit Regenschirm und vornehm gekleidet. Kurz bevor sie sich kreuzten, hob der Mann seinen Regenschirm hoch, so dass er, von der Seite betrachtet, über den Regenschirm der Frau hinweg zu schweben schien, und als er diesen dergestalt „übersprungen“ hatte, senkte er sich wieder schützend über den Kopf des Mannes. Nie wieder habe ich zwei Regenschirme so elegant aneinander vorbeigleiten gesehen.
Kürzlich bin ich, nach Jahren, wieder die Rua Vítor Cordon hochgegangen und habe an die beiden Regenschirme gedacht. Es regnete nicht an diesen Tag. Man muss diesen Weg bei Regen gehen, um zwei Regenschirme sich kreuzen zu sehen.
Auf der Rua Vítor Cordon gibt es ein interessantes Phänomen. Da die Gassen in Lissabon eng sind, war es an bestimmten Stellen nicht möglich, das Tramgeleise so zu verlegen, dass es direkt in eine Nebengasse abzweigt, das Geleise „holt aus“, indem es bei einer Rechtskurve zuerst nach links verläuft, manchmal sogar das Gegengeleise überkreuzt, und dann in einem möglichst weiten Bogen nach rechts einbiegt. Diese Gleisausholungen haben mich immer sonderbar berührt, ohne dass ich sagen könnte, was genau in mir berührt wurde.
In Lissabon gibt es eine ganze Reihe exotischer Bäume, die während der Kolonialzeit importiert wurden, und an denen man einst erkennen konnte, welche fernen Länder man sich schon untertan gemacht hatte – oder glaubte, man hätte sie sich untertan gemacht. Heute, wo dieser zweifelhafte Ruhm verblasst ist, gedeihen die Bäume immer noch prächtig. Besonders angetan hat es mir der Ficus macrophylla, der aus Ostaustralien stammt. Drei solche Bäume findet man – wenn man von der Rua Garrett durchs Bairro Alto immer weiter hochgeht – im Jardim do Príncipe Real, wo sie ein Dreieck bilden, in dessen Mitte man sich an ein Tischchen setzen und beim Esplanada Café einen Rotwein oder sonst ein Getränk geniessen kann. Schräg gegenüber, hinter dem Museu Nacional de História Natural e da Ciência versteckt, befinden sich zwei weitere wunderschöne Exemplare. Die beiden Bäume befinden sich ausserhalb des Jardim Botânico de Lisboa – bei der Livraria da Travessa rechts abzweigen, gerade aus, durchs Gittertor, dann links. Weitere Ficus macrophyllas befinden sich im Jardim da Estrela, den man mit der Tramlinie 28 erreicht, und im Jardim Botânico Tropical de Belém.
1 pt.wikipedia.org/wiki/… [copy]
2 en.wikipedia.org/wiki/… [copy]
3 In Anspielung auf dieses historische Ereignis stellte Álvaro de Campos ein „Ultimatum“ an Europa, in Form eines polemischen Gedichts, das 1917 erschien und von der Polizei „wegen Vertosses gegen die guten Sitten“ beschlagnahmt wurde. In Campos de, Álvaro. Poesie und Prosa (p. 371). FISCHER Taschenbuch.