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Im Zug

Posted on 20. November 202222. November 2022 by Michael Moleiro

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Vor Jahren sass ich im Zug einer älteren Dame gegenüber, die sehr sympathisch wirkte, und ich stellte mir vor, sie wäre meine Mutter und wir würden nun gemeinsam irgendwohin fahren, zu einem Abendessen mit Verwandten oder an eine Ausstellung, wir würden uns amüsieren und wir könnten über alles lachen, und ich dachte auch an die vielen Ausflüge, die wir zusammen unternommen hatten, die Wanderungen und Ausfahrten, und wenn ich Geburtstag hatte, kochte sie mein Lieblingsessen, und immer versuchte sie all meine Fragen klar und genau zu beantworten… und wie ich so gedankenversunken im Zug sass, sagte ich auf einmal zur Dame: Ich habe mir soeben vorgestellt, sie wären meine Mutter. Können Sie sich auch vorstellen, ich wäre Ihr Sohn? Die Dame schaute mich einen Moment lang irritiert an und lachte dann los. Nie hatte ich ein so herzliches Lachen gehört. Warum nicht? sagte sie. Sie scheinen ein sympathischer, junger Mann zu sein, ich würde Sie schon als Sohn nehmen, wir würden bestimmt gut zusammen auskommen. Das berührte mich. Sie lachte immer noch und ich lachte ebenfalls. Lange war mir nicht mehr so etwas Schönes widerfahren. Als wir fertig gelacht hatten, sagte sie, ich sei ein ungewöhnlicher Mensch, sonst wussten wir nichts mehr zu sagen, wir lächelten verlegen, es trat ein betretenes Schweigen ein, und ich war froh, als die Haltestelle, wo ich aussteigen musste, endlich nahte, ich stand auf, verabschiedete mich und wünschte der Dame eine gute Weiterreise. Das wünsche ich Ihnen auch, sagte sie.

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