Wie kam es, dass die Menschen für mich immer namenlos geblieben sind? Die Menschen, die über mir, unter mir und neben mir lebten. Sogar die Menschen, die mich jetzt umsorgen. Wenn ich hin und wieder die Namen von den Briefkästen und Klingelschildern ablas, so sagten mir diese Namen nichts, es waren fremde Namen, die ich keinen bestimmten Menschen zuordnen konnte, und so vergass ich diese Namen bald wieder, es hätte nichts genützt, mir diese Namen zu merken, bedeutsam wären allenfalls Namen gewesen, die ich erfunden hätte, es wären meine ganz persönlichen Namen gewesen für unbekannte Menschen, die um mich herum lebten, über mir, unter mir, neben mir, und obgleich ich nie mit ihnen in Kontakt getreten bin, habe ich Anteil an ihrem Leben genommen, habe gelauscht, habe immerzu gelauscht, liegend, das Ohr an den Boden gepresst, oder an der Wand sitzend. Natürlich könnte ich die Geschichte meiner Nachbarn besser erzählen, wenn ich sie beim Namen nennen würde, wenn ich sagen könnte, Lukas, Simon oder Thomas hat unter mir gewohnt, aber das ist unmöglich, denn ich habe immer nur dumpfe Stimmen vernommen, keine Namen, ich habe eine Männerstimme und eine Frauenstimme unterschieden, ohne zu hören, wie sie sich nannten, und weil ich kein Bedürfnis verspüre, die beiden Stimmen zu benennen, sage ich, er hat unter mir gewohnt und konnte sich nicht von ihr trennen, weil ihm sonst jemand zum Streiten gefehlt hätte, abends wäre die Wohnung leer und still gewesen und die kahlen Wände hätten ihn angeschwiegen, unerträglich angeschwiegen, sie aber hat ihn nie angeschwiegen, sondern angeschrien, und er hielt es für nötig, sich zu verteidigen, und so ging es hin und her zwischen ihnen, jedes Mal, wenn er sich »daneben benommen« hatte und sie kurz davor war, ihn aus dem Haus zu jagen, bettelte er um Verzeihung, und sie hatte für sein Betteln nichts als Hohn übrig, und sollte er ihr eine Zeitlang keinen Grund liefern, nach Verzeihung zu betteln, dann begannen ihre Sticheleien von Neuem, bis er erneut ausrastete und sich »daneben benahm«, und wenn sie drohte, ihn zu verlassen, dann schrie er: Dann geh doch! Dann geh doch, wenn es dir nicht passt, wenn es so schlimm ist mit mir! Aber sie geht nicht, nein, natürlich geht sie nicht, jetzt zu gehen würde bedeuten, ihm zu gehorchen, also bleibt sie erst recht, zum Trotz, bei anderer Gelegenheit jedoch, als er überhaupt nicht damit rechnet, sagt sie: Mir wirds zu blöd, ich gehe jetzt. Sie zieht Mantel und Schuhe an, während er fassungslos daneben steht. Kaum ist sie zur Tür hinaus, stürzt er ihr nach, stolpert über die Türschwelle, fällt hin und packt, am Boden liegend, den Saum ihres Mantels und fleht sie an: Bitte geh nicht, bitte nicht. Krieg dich wieder ein, sagt sie kühl, ich schnappe nur ein wenig frische Luft. Kurz darauf kehrt sie zurück und tut so, als käme sie damit seinem Flehen nach, ihre Überlegenheit ist damit ein weiteres Mal bestätigt, obschon sie nie ernsthaft in Betracht gezogen hat, zu gehen, für immer zu gehen, sie behält Mantel und Schuhe an, bereit, wieder zu gehen, falls er sich nicht bereit erklärt, ihre Forderungen zu erfüllen, er will ihr den Mantel abnehmen, aber sie gibt ihm mit einer unwirschen Bewegung zu verstehen, dass der Mantel anbleibt, sie schnürt den Mantel sogar noch enger, und selbstverständlich willigt er in alle Forderungen vorbehaltlos ein und sie sind für einen Abend wieder versöhnt, wenn auch mit einem gewissen Widerwillen ihrerseits, denn sie will nicht, dass er meint, alles sei nun gut, und tatsächlich verstösst er bereits am nächsten Tag gegen eine Bedingung, indem er die halbvolle Bierflasche neben dem Sofa stehenlässt, was vielleicht verzeihlich gewesen wäre, wäre die Flasche nicht umgekippt und hätte sich das Bier nicht über den Teppich ergossen, nachdem sie, die Frau, unversehens, im Vorbeigehen, mit dem Fuss daran gestossen ist, und es ist nicht auszuschliessen, dass sie ein klein wenig nachgeholfen hat, indem sie so tat, als hätte sie die Bierflasche nicht gesehen und wäre ganz unbeabsichtigt daran gestossen, aber natürlich hat sie die Bierflasche sofort gesehen und sie hätte die Bierflasche vermutlich sogar gesehen, wenn sie nicht dort gestanden wäre, denn sie sieht überall leere und halbleere Bierflaschen, wo immer sie auch hinblickt, und sie weiss selbst nicht, über welche Hälfte sie sich mehr aufregt, über die getrunkene oder die stehengelassene, die sich über den Teppich ergossen hat. Auch wenn sie es für unnötig hält, jeden Abend ein Bier aufzumachen, so wäre es doch das Mindeste, das Bier ganz auszutrinken, oder jeden zweiten Tag ein ganzes Bier zu trinken anstatt jeden Tag ein halbes, aber nein, er macht jeden Abend ein Bier auf, schläft auf dem Sofa ein und wacht erst wieder auf, nachdem das stehengelassene Bier warm und ungeniessbar geworden ist, aber das kümmert ihn nicht, weil er das Bier längst vergessen hat und schlaftrunken ins Schlafzimmer schlurft, von wo er sogleich herbeizitiert und über das ausgelaufene Bier in Kenntnis gesetzt wird, was er mit einem kräftigen Rülpser kommentiert, dann sagt: Kannst du nicht aufpassen, wo du hintrittst. Ich? schreit sie. Ich, aufpassen? In der Tat hat sie die Flasche umgestossen, aber nur, weil er sie stehengelassen hat. Eine stehengelassene Flasche wäre bereits Anlass zum Ärger, aber die Frau hat sich bereits schon so sehr an herumstehende Bierflaschen gewöhnt, dass sie einen zusätzlichen Kick braucht, um sich ordentlich in Rage zu bringen, und eben diesen Kick führt sie elegant aus, aus dem Fussgelenk, als sie an der Bierflasche vorbeigeht, die sie angeblich nicht gesehen hat, dann stürmt sie ins Schlafzimmer und das gewaltige Donnerwetter ist im ganzen Haus zu hören. Noch Wochen später riecht der Teppich nach Bier, behauptet sie, obschon, ihm zufolge, ihre senile Katze seither mindestens drei Mal drüber gepisst habe, und beide knien an der umstrittenen Stelle auf dem Boden und pressen ihre Nasen auf den Teppich, wo sich die beiden Flüssigkeiten vermengt haben, er riecht Katzenpisse, sie riecht abgestandenes Bier, und beide sehen einen hässlichen, gelben Flecken, den auch der teuerste Teppichreiniger nicht zu beseitigen vermag, und dabei hat doch der Tierarzt gesagt, dass man der Katze, aufgrund ihrer kognitiven Dysfunktion, doch nur einen Gefallen erweisen würde… Only over my dead body! schreit sie und er sagt, es heisst Over my dead body, und sie sagt, hab ich doch gesagt, und er sagt nein, du hast Only over … gesagt, aber das sagt man nur auf Deutsch so Nur über meine… und sie sagt: Nerv mich nicht! Das also ist die Geschichte des Teppichflecks. Am folgenden Tag war es still in der Wohnung. Die Frau war tatsächlich ausgezogen. Eine Zeit lang lebte er noch allein in der Wohnung, hin und wieder vernahm ich Stimmen und Musik, sehr wahrscheinlich das Radio. Nach ein paar Monaten zog auch er aus und ein junges Paar zog ein. An ihrem ersten Abend tanzten sie zu Crazy Little Thing Called Love und die Frau stiess einen Freudeschrei aus. So habe ich gelebt unter den Menschen, die für mich namenlos sind, und für die auch ich namenlos bin.