David, Nathan und Nick vom dead serious Book BOSS club1 in San Francisco besprechen in ihrem Podcast2 ungefähr im Monatsrhythmus ein literarisches Werk, von dem sich herausgestellt hat, dass es einen gewissen Gehalt hat (was das auch immer bedeuten mag). Dass es in diesem Podcast meist nicht ganz todernst zu und her geht, wird schnell klar. Unbefangen wird über verschiedene Werke der Weltliteratur diskutiert. Dabei stehen nicht literaturwissenschaftliche Argumente im Vordergrund, sondern persönliche Erfahrungen und Eindrücke, wobei die drei durchaus in der Lage sind, sich von rein subjektiven Einschätzungen zu distanzieren und auch Büchern etwas abgewinnen, die ihnen persönlich nicht gefallen haben.
Nick Scandy, der den Podcast moderiert, ist Elektroingenieur und unterrichtet an der San Francisco State University. Als Musiker hat er in verschiedenen Bands gespielt.3 Vielleicht ist das mitunter ein Grund, warum er hin und wieder literaturinteressierte Musiker zum Gespräch einlädt, so wie z.B. Michael Berdan von der noise-rock-slash-industrial-metal band Uniform. Er berichtet wie Hubert Selby Juniors The Room ihn in seinem Musikschaffen beeinflusst hat. Ohne den Podcast hätte ich dieses Buch wohl nicht gelesen. Warum habe ich mir diese schwer auszuhaltende Lektüre angetan – einfach weil ich es kann, weil es ein zutiefst aufrichtiges Buch ist und weil manche Lektüren, wie eine unangenehm zu schluckende Medizin, ihre Wirkung erst im Nachhinein entfalten. Auch weitere Bücher wie Watt4 von Samuel Beckett, Alte Meister von Thomas Bernard oder Speedboat5 von Renata Adler wären mir wohl entgangen.
wird ein Auszug aus Speedboat gelesen.
Obschon David und Nathan Speedboat eher skeptisch gegenüberstehen und es nicht zur Lektüre empfehlen, halten sie ihm zugute, dass das Buch, indem es das Leben der Protagonistin in New York City (1970er-Jahre) in einzelnen, meist zusammenhanglosen Textfragmenten beschreibt, die zukünftige Entwicklung wie sie mit SMS, Messenger Apps oder Twitter stattgefunden hat, vorwegnimmt – geradezu ikonisch stechen manche Sätze hervor wie Too many people have access to your state of mind oder There are times when every act, no matter how private or unconscious, becomes political oder The host, for some reason, was taking Instamatic pictures of his guests. In zahlreichen Szenen werden die Mitglieder des Establishments und ihre ganze Blasiertheit schonunglos zur Schau gestellt. Eine vermeintlich lineare Lebensgeschichte fällt in unüberschaubare Textschnipsel auseinander, die sich wie eine asynchrone Facebook timeline lesen und manchmal als Vorlage für eine Instagram Story dienen könnten. Das haben zwar einige Autorinnen und Autoren vor Renata Adler schon thematisiert, aber ein so konsequenter Verzicht auf eine Komposition war bislang doch eher ungewöhnlich.6 Die deutschsprachige Ausgabe des Buches liegt in der Übersetzung von Marianne Frisch im Suhrkamp Verlag vor.
wird ein weiterer Auszug aus Speedboat gelesen (39:50).
Im Podcast werden in Zusammenhang mit Speedboat auch Gravity’s Rainbow von Thomas Pynchon sowie die Romane von Philip Roth erwähnt. Wer sich für amerikanische Literatur ab 1945 interessiert, kann sich die hervorragende Vorlesung The American Novel Since 1945 von der amerikanischen Literaturprofessorin Amy E. Hungerford anschauen, in der Autorinnen und Autoren wie Nabokov, Kerouac, Salinger, Pynchon, Roth oder Morrison besprochen werden.
by Amy E. Hungerford at Yale University
2 youtube.com/@theb.o.s.s…
3 amazon.com/-/de/stores/author/…
4 In seiner Class on Creative Reading sagt W.S. Burroughs, dass er jemandem, der ihm Watt zur Lektüre empfohlen hatte, antwortete: Well, I looked at it and couldn’t get interested in – and then he said: Well, look again – When I looked again, I saw what a really great book it is. youtube.com/watch?v=3dymsKE_N3A
5 Adler, Renata. Speedboat: With an introduction by Hilton All. W&N Essentials.
6 In den 1950er-Jahren kam die Cut-up Technik in der amerikanischen Literatur auf. Dabei werden Manuskripte mit der Schere zerschnitten und die Textschnipsel neu zusammengesetzt. Allerdings war das in einem gewissen Sinne auch eine „Komposition“, nämlich die bewusste Zerstörung der Komposition, eine Anti-Komposition. Dahingegen wirken Adlers Texte eher spontan hingeschrieben, gerade so, wie es „in den Sinn kommt“, ohne spezifische Technik.