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La bêtise n’est pas mon fort

Posted on 15. November 202227. Dezember 2022 by Michael Moleiro

Dummheit ist nicht meine Stärke – niemals hat mich der erste Satz eines Buches so getroffen wie dieser. Niemand hatte mich darauf vorbereitet. Das war mein Glück, an dem ich bis heute zehre, ein Glück, das ich Ihnen, falls Sie es noch nicht kennen, hiermit nehme. Das tut mir unaufrichtig leid. Dabei stammt der erste Satz gar nicht von Monsieur Teste, sondern von dessen Freund. Sogleich klappte ich das Buch zu, atmete tief durch, denn mir war augenblicklich klar, dass es mein Leben verändern würde.

Einem Freund von Monsieur Teste scheint es, jeder Sterbliche besitze „unter den Navigationsinstrumenten seines Lebens einen kleinen Apparat von unglaublich feiner Empfindlichkeit, der ihm den Stand seiner Eigenliebe anzeigt.“1 Wir erfahren nicht, was Monsieur Teste darüber denkt, aber wir wissen, dass er sich, bevor er in sich geht, „bis an die Zähne bewaffnet“. Was er auf dem Schlachtfeld in seinem Kopf vorfindet, den seine Frau Émilie als eine „versiegelte Schatzkammer“ bezeichnet, erfahren wir anhand von ein paar flüchtigen Notizen und einem seiner Gebete. Ansonsten sind wir ganz auf Briefe und Berichte seiner Frau und seiner Freunde angewiesen. Monsieur Teste ist nicht eigentlich ein Mensch, sondern etwas Allgemeineres als ein Mensch, ein dem Zufall entsprungenes Phantom, „für mehr Eventualitäten eingerichtet, als er kennenlernen kann.“ Er wollte nicht das eine konkrete Leben, sondern alle möglichen Leben, und er opferte sich dem, was er sein wollte. Darin war er einem gewissen Bernardo Soares aus Lissabon ähnlich und es ist schwer auszudenken, wo das hingeführt hätte, wenn sich die beiden begegnet wären.

Am Ende, im Todeskampf begriffen, sprach Monsieur Teste, in dem es angeblich kein „Körnchen Hoffnung“ gegeben habe, zu seinem Freund: „Dabei habe ich mein Leben lang auf diese Minute hingearbeitet.“ Es nützte ihm nichts. Marche funèbre de la pensée 2.

Paul Valéry
Monsieur Teste
Aus dem Französischen
von Max Rychner, Achim Russer und Bernd Schwibs
2. Auflage 2016
Shurkamp Verlag Berlin

Die ersten Texte des Romanfragments Monsieur Teste entstanden ab 1895 in Montpellier. Empört „über die Vagheit aller Literatur“, will der Autor „unbedingte Klarheit schaffen“. Ungefähr dreissig Jahre später kamen weitere Texte hinzu. Das Büchlein ist mit seinen 70 Seiten schnell gelesen – es zu bewältigen ist freilich eine andere Sache.

1 Valéry, Paul. Monsieur Teste (p. 30). Suhrkamp Verlag.

2 go.bratelli.free.fr/Valery…Teste.pdf (p. 91)

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