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Chants d’ombre

Posted on 15. November 202223. April 2023 by Michael Moleiro

An der Petite-Côte, südlich von Dakar, gibt es ein paar illustre, touristische Dörfer, die sich unauffällig gepflegt an den Atlantik schmiegen. In Bars und Restaurants begegnet man sich mit einer sonderbar devoten Haltung, spricht leise und fühlsam, versucht herauszufinden, was die andere Person für Absichten hegt. Es gibt dort junge Senegalesen, die sich prostituieren, das heisst, sie sind bereit (oder sehen sich dazu gezwungen), gegen ein monatliches Entgelt, sich mehr oder weniger dauerhaft zu jemandes Verfügung zu halten, meist Europäerinnen oder Europäern, die jenseits der Blüte ihrer Jahre stehen.

Nach dem schwammigen Nachtleben an der Petite-Côte war es angenehm, in der lauten, wuseligen Grossstadt M’bour anzukommen, wo alles unvertraut und raubeinig zu und her geht, und wo auf den Märkten nicht vorgebliche Traulichkeit, sondern Erdnüsse, Kaffee, Taxifahrten verkauft werden. Am Strand reihen sich die farbig bemalten Pirogen aneinander, mit denen die Senegalesen täglich auf den Atlantik fahren, um zu fischen, ungewiss, wie lange sie noch was fangen werden, da ihre Regierung die Fischereirechte an ausländische Unternehmen und an die Europäische Union verkauft.1

Im Stadtzentrum durchstöberte ich einen Marktstand mit Büchern und entdeckte dabei eine Ausgabe von Chants d’omber, erschienen 1956 bei Éditions du Seuil, zusammen mit Éditions Gallimard und Éditions Grasset, gehörte er zu den drei wichtigsten Verlagen Frankreichs.2

Am 20. Juni 1960 wurde der Senegal von Frankreich unabhängig und Léopold Sédar Senghor der erste Präsident. Zu diesem Anlass schrieb er auch gleich die neue senegalesische Nationalhymne Le Lion rouge. Er blieb bis 1980 im Amt. Er hatte in Frankreich studiert und 1935 als erster Afrikaner den Concours d’agrégation de grammaire bestanden (Zulassungsprüfung für Gymnasiallehrer). Im Zweiten Weltkrieg diente er als Soldat im 31. Regiment der Kolonialinfanterie und geriet in La Charité-sur-Loire in Kriegsgefangenschaft. Die Deutschen wollten ihn, mit anderen schwarzen Soldaten, an Ort und Stelle erschiessen, doch die senegalesischen Soldaten riefen „Vive la France, vive l’Afrique noire“. Warum sie dadurch der Erschiessung entkamen, ist nicht ganz klar. Die Schilderung auf der fran­zö­sisch­spra­chigen Wikipediaseite ist eher fraglich und der Link zur Quelle funktioniert nicht mehr. Jedenfalls lebte Senghor weiter und verbrachte rund zwei Jahre in Gefangenschaft, in der er mehrere Gedichte schrieb, darunter Hosties noires, die ebenfalls im abgebildeten Band enthalten sind. 1945 wurde er als senegalesischer Abgeordneter in die Französische Nationalversammlung gewählt. Zeitlebens veröffentlichte er immer wieder Gedichte und Essays. Seine erste Publikation (1945) waren die Chants d’ombre, die das berühmte Gedicht Femme noire enthalten.3 4


Femme noire gelesen von Léopold Sédar Senghor

Im eigenen Land wurde Senghor manchmal dafür kritisiert, dass er, aufgrund seiner engen Verbundenheit mit der europäischen Kultur, die afrikanischen Werte zu wenig repräsentieren würde. Anfangs war er gegen die vollständige Unabhängigkeit von Frankreich und sprach sich für eine l’Union française aus, ein French Commonwealth nach britischem Vorbild, in dem für die Kolonien weitgehende Selbstbestimmungsrechte vorgesehen waren. Dieser Lösungsvorschlag setzte sich nicht durch und der Senegal löste sich ganz von Frankreich ab. Als Präsident installierte Senghor ein autoritäres Regime und liess politische Gegener teilweise inhaftieren. Man mag ihm zugutehalten, dass sich der Senegal unter seiner Führung zu einem der stabilsten Länder in Afrika entwickelt hat. Im Ausland wurde er förmlich mit Preisen und Ehrungen überhäuft. Senghor starb 2001 in Version, Normandie.3 4



1 sueddeutsche.de/politik/…

2 de.wikipedia.org/…Seuil

3 fr.wikipedia.org/wiki/…Senghor

4 en.wikipedia.org/…Senghor


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