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Mein Leben als Pfosten

Posted on 1. Dezember 202212. Dezember 2022 by Michael Moleiro

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Es trifft mich selten und wenn, dann prallt es an mir ab. Der Abprall interessiert niemanden – es sei denn, ich stehe gerade in einem vollen Fussballstadion, dann geht ein lautes Raunen durch die Menge. Ansonsten schenkt man mir eher wenig Aufmerksamkeit, was mich nicht sonderlich stört. Zuweilen werde ich belächelt oder sogar beschimpft – ganz zu Unrecht.

Wir Pfosten dienen mit nüchterner Zuverlässigkeit, ohne jemals Dank zu verlangen. Sollte man uns für einmal nicht brauchen und uns achtlos in eine Ecke stellen, so sind wir auch zufrieden. Normalerweise sind wir schweigsam, aber heute richte ich ein paar Worte an euch Menschen, um euch das Leben eines Pfostens etwas näher zu bringen. Ich spreche für alle Pfosten, indem ich wir sage, denn wir Pfosten sind Familie, Berufsgattung und Seelenverwandte zugleich. Es gibt uns in den unterschiedlichsten Ausprägungen: Bettpfosten Türpfosten, Stützpfosten, Grenzpfosten, Eckpfosten, Leitpfosten und Torpfosten. Doch gibt es eine Art von Pfosten in dieser Welt, mit denen wir absolut nichts zu tun haben – nämlich Vollpfosten. Mit einem Vollpfosten haben wir so wenig zu tun wie ein Finanzinstitut mit einer Sitzbank oder eine Glühbirne mit Obst. Wir ordentlichen Pfosten aber, ja… wir sind einfach nur Pfosten. Einen dummen Menschen nach uns zu benennen, ist eine Beleidigung für alle Pfosten. Weder sind wir besonders dumm, noch besonders intelligent, wir sind stramm, dienstwillig, zuverlässig, unbeugsam, anspruchslos, nie beklagen wir uns, nie widersprechen wir, selten ändern wir unsere Meinung – kurzum, wir erfüllen alle Anforderungen, die ein Staatsbürger gemeinhin erfüllen sollte.

Ein Leben als Pfosten bringt einige Vorteile mit sich. Stellen wir uns in die Fussgängerzone, weichen uns die Leute aus. Tut dies jemand nicht, weil er beispielsweise in sein Smartphone vertieft ist, so schwingt der metallische Klang, der beim Aufprall des Schädels entsteht, angenehm in uns nach. Die darauffolgenden Flüche kümmern uns nicht. Beleidigungen können uns nichts anhaben, wir bleiben ruhig und lächeln ganz für uns, ohne uns etwas anmerken zu lassen. Wir Pfosten haben ein schlichtes Gemüt, nie verstricken wir uns in langwierige Erklärungsversuche über unsere Existenz, wir sind einfach da. Die Geisteshaltung der Epoche, in der wir leben, kümmert uns nicht.

Es gibt unschöne Momente. Es kommt vor, dass uns ein jähzorniger Mann packt, aus der Verankerung reisst, sofern wir in einer stecken, uns drohend in die Luft hebt und auf einen zarten Kinderrücken niedersausen lässt. Wir versuchen jeweils, uns möglichst weich und elastisch zu machen, um den Aufschlag abzufedern – viel nützt es nicht. Aber man tut, was man kann.

Es gibt einen Tag im Jahr, an dem wir mit einer ganz besonderen Aufgabe betraut werden. Dem allgemeinen Gehabe nach zu urteilen, muss es sich um einen sehr wichtigen Tag handeln. Eine rotweisse Fahne wird an uns hochgezogen. Wir verstehen es nicht, aber es gilt, Haltung zu wahren und stramm zu stehen. Gelangweilt schauen wir auf die Glatze des Redners herunter, der jedes Jahr mehr oder weniger das Gleiche sagt, und wir fragen uns, ob man zur Abwechslung nicht mal was anderes sagen könnte, aber es ist nicht unsere Aufgabe, weiter darüber nachzudenken.

Allzu leicht unterschätzt man die Aufgaben eines Pfostens. Was wäre ein Fussballspiel ohne Pfostenschuss? Eine Feier ohne gehievte Fahne? In der Nacht leuchten wir den Autofahrern und halten auch tagsüber die Verkehrsschilder gut sichtbar hoch. Wer weiss, wie viele Unfälle wir dadurch schon verhindert haben. Prallt jemand aus Unachtsamkeit in uns hinein, pflegt man zu sagen: blöder Pfosten. Aber man stelle sich vor, wir Pfosten würden eines Tages einfach unsere Arbeit niederlegen. Da würde rasch klar, was alles auf uns lastet. Der mangelnde Respekt ist vor allem ein europäisches Problem. In anderen Kulturen werden wir bemalt und verziert, man huldigt uns, ganze Kulte werden um uns herum veranstaltet. Doch das geht zu weit und entspricht nicht unserer bescheidenen Wesensart. Wir wollen nicht gefeiert werden. Genügsamkeit ist unsere Lebensmaxime.

Insgesamt ist das Leben eines Pfostens durchaus nicht so trostlos, wie man vielleicht denken könnte. Schweigsam und unauffällig, führen wir unser Leben mit Würde und Anstand.

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