Eigentlich wollte ich ein Buch lesen, aber die Stimme einer jungen Frau lenkte mich ab. Sie sass im gegenüberliegenden Abteil und erläuterte ihren drei Freundinnen die neun Regeln, die in einer offenen Beziehung unbedingt zu beachten sind.
1. Regel: Niemals mit einer Person „was haben“, die der bestehende Partner ebenfalls kennt, beispielsweise ein gemeinsamer Freund, denn dadurch könnten „komische Situationen“ entstehen, wenn es zu einem Zusammentreffen zu dritt kommt.
2. Regel: Nur mit einer Person „was haben“, die man zwar attraktiv findet, die man sich aber nicht als langfristigen Partner vorstellen kann, denn würde man sich mit einem potentiellen (neuen) Partner einlassen, so bestünde die Gefahr, dass man sich ernsthaft in diese Person verliebt, wodurch man wiederum in die Versuchung käme, den bestehenden Partner für den neuen Partner zu verlassen.
3. Regel: Mit einem neuen Sexualpartner keine ernsthafte Beziehung aufbauen, während man gleichzeitig an der bestehenden Beziehung festhält, selbst wenn diese bereits im Auflösen begriffen sei, aber noch bestehe. Dadurch würde man den bestehenden Partner hintergehen, indem man sich dem neuen Partner immer mehr zuwendet, mit ihm gewissermassen eine neue Beziehung ausprobiert, während man sich die bestehende Beziehung als Backup warm hält, so dass man, falls es mit dem neuen Partner doch nicht klappen sollte, wieder auf sie zurückgreifen kann. Diese Taktik, sich alle Möglichkeiten offenzuhalten, um am Ende nicht mit leeren Händen dazustehen, hält die junge Frau für inakzeptabel.
4. Regel: Der bestehende Partner hat das Recht, zu erfahren, wenn man mit jemand anderem was hat oder gehabt hat – es sei denn, diese Regel werde durch gemeinsames Einverständnis ausser Kraft gesetzt. Wann genau man den bestehenden Partner informieren soll, erläutert die junge Frau nicht, ob erst im Nachhinein oder bereits wenn sich was anbahnt.
5. Regel: Dem bestehenden Partner gegenüber keine Einzelheiten erwähnen, keinesfalls mit der Affäre prahlen. Dem Partner nicht unnötig eifersüchtig machen.
6. Regel: Ausserhalb der festen Partnerschaft nur Safer sex – das ist so klar, dass es eigentlich nicht erwähnt werden muss.
7. Regel: Zwischen zwei Sexualpartnern mindestens einen Tag Pause. Nicht von einem direkt zum anderen, das wäre geschmacklos, das Erleben mit dem einen Partner soll zuerst abklingen, bevor man sich wieder dem anderen Partner zuwendet.
8. Regel: Eine Affäre darf nur von begrenzter Zeitdauer sein, damit nichts »Ernstes« daraus entsteht, das die bestehende Partnerschaft gefährden könnte.
9. Regel: Nicht an der bestehenden Partnerschaft zweifeln. Eine offene Beziehung kann nur funktionieren, wenn vollkommenes Vertrauen herrscht und sich beide Partner vorbehaltlos zu der Partnerschaft bekennen. Insbesondere darf ein heimlicher Zweifel an der Partnerschaft nicht Anlass zu einer Affäre werden, mit der man sich vom eigentlichen Beziehungsproblem ablenkt.
In Olten stieg ich aus, wechselte das Perron und dachte, während ich auf den Anschlusszug wartete, über die neun Regeln einer offenen Beziehung nach.