Auf einem schwarzen Pfeiler steht ein schneeweisser Storch. Das trübe Wasser fliesst langsam den Mangroven entlang. Ich esse die Butter Cakes, die ich einem jungen Strassenverkäufer in Farafenni abgekauft habe. Er wollte mit mir in den Senegal reisen, dann weiter nach Europa. Er sagte: Gambia is very bad. Er sprach leise und weinerlich.
Seit sechs Stunden warte ich auf einen freien Platz auf der Fähre, die über den Fluss hin und her fährt. Ein winziges Zettelchen dient als Ticket. Es ist sehr heiss, 25. Dezember, von Weihnachten merkt man nichts. Die Reisenden stehen im Schatten der Marktbuden entlang der staubigen Strasse und trinken Cola, Fanta oder Wasser oder kauen Erdnüsse. Wenn es vorwärtsgeht, weil die Fähre wieder eine Ladung aufgenommen hat, rennen alle zu den Autos und fahren ein paar Meter vor – bloss niemanden vordrängen lassen.
In der Abenddämmerung, als es endlich etwas kühler wird, überquere ich den Fluss. Nur der Dieselmotor lärmt. Sonst ist es sehr ruhig. Beim gambischen Checkpoint, südlich des Flusses, stehen mehrere bewaffnete Soldaten um mein Auto. Ein Polizist fragt freundlich, ob ich nicht ein kleines Geschenk machen möchte. Nachdem ich ihm einen 10 000 Francsschein übergeben habe, geht er ins Kabäuschen, holt meinen Reisepass, gibt ihn mir zurück und lobt die Freundschaft, die zwischen den Menschen in Gambia und der Schweiz bestehe. Als ich endlich die Casamance erreiche, fragt der senegalesische Grenzbeamte: War es sehr schlimm in Gambia?
Am nächsten Tag fahre ich weiter Richting Süden. Am Strassenrand geht ein junger Senegalese, auf seinem roten T-Shirt steht GEMEINSAM in den Klassenkampf. In Ziguinchor esse ich zu Mittag. Die Kellnerin trägt ein T-Shirt mit der Aufschrift Jetzt wird geheiratet (vorne) und Begleitschutz der Braut (hinten). Nach dreitägiger Reise erreiche ich endlich mein Hotel am Cap Skirring, sinke ins Bett und lausche dem Rauschen des Atlantiks, dem müden Bellen eines Hundes, dem steten Tropfen des Wasserhahns und dem unablässigen Zirpen der Grillen. Dies alles erfüllt die Leere des Hotelzimmers, in dem ich alleine liege, in dieser klaren und lauen Nacht. Sonst nichts als die Gewissheit, dass zwei, drei Menschen hin und wieder an mich denken.
Manchmal denke ich an den jungen Strassenverkäufer und frage mich, was aus ihm geworden ist, nachdem die Pont Sénégambie in Betrieb genommen wurde.