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Versuch über die Axt
Erstmals in Berührung mit einer Axt kam ich im Alter von ungefähr sechs Jahren, als ich, ohne besondere Absichten, den Keller aufsuchte und die Axt meines Vaters vorfand, die jemand dort hingestellt hatte. Bislang hatte ich sie immer nur gesehen, niemals berührt, denn man hatte mir eingeschärft, sie sei kein Spielzeug für Kinder. Indem ich sie nun erstmals in die Hand nahm und hochhob, erfasste ich, unbewusst freilich, zwei wesentliche Merkmale der Axt, die sie vom Beil unterscheiden, nämlich ihr längerer Schaft und ihr schwereres Gewicht. Damals kannte ich das Wort Axt noch nicht und darum betrachtete ich sie als ein Beil, denn so wurde die Axt in meinem Elternhaus genannt, und als uns, noch im selben Jahr, ein deutscher Verwandter besuchte und unser Beil als Axt bezeichnete, dachte ich, es wäre bloss ein anderes Wort für denselben Gegenstand.
Ein paar Jahre später, als ich genug alt war, um Holz zu hacken, tat ich dies etwas unbeholfen. Da ich den Unterschied zwischen Axt und Beil immer noch nicht kannte, konnte ich auch nicht wissen, dass man eine Axt, im Gegensatz zum Beil, zweihändig führt. Jedoch hatte ich aus dem Film Titantic gelernt, dass man präziser schlagen kann, wenn man den Schaft weit vorne ergreift. Dieses Wissen habe ich oft angewendet. Ich weiss nicht, wann mir der Gedanke kam oder wie ich auf denselben gebracht wurde, dass Axt und Beil keine Synonyme sind, sondern zwei unterschiedliche Begriffe.
Das Verhältnis zwischen Wort und Begriff hat mich oft beschäftigt und lange stellte ich mir dieses Verhältnis als zu einseitig vor, indem ich meinte, man brauche, nachdem man etwas begriffen oder empfunden hat, immer neue Wörter, um es auszudrücken, und nicht erkannte, dass uns ja gerade das Erlernen neuer Wörter auf immer neue Begriffe bringt. Noch später, als ich mich wesentlich öfters mit Büchern als mit Äxten herumschlug, begann mich die Frage zu beschäftigen, ob zwischen Axt und Beil lediglich ein gradueller, oder ein substantieller Unterschied besteht. Ich stellte mir zwei Werkzeugschmiede vor, von denen der eine im Begriff ist, eine Axt zu fertigen, während sich der andere an einem Beil versucht. Nun geschähe es, dass bei ersterem, während er an der Axt feilt und schleift, diese immer kleiner und kleiner wird, während zweiterem das Beil grösser gerät als ursprünglich geplant, und ich wunderte mich, ob es in der Entwicklung dieser beiden Arbeitsvorgänge einen Punkt gibt, an dem beide die gleichen Werkzeuge hervorbringen, von denen man nicht recht weiss, ob man sie nun für Äxte oder Beile halten soll, oder ob sich die beiden Arbeitsvorgänge dergestalt überkreuzen könnten, dass statt der Axt ein Beil und statt dem Beil eine Axt entsteht.
Eine phonetische Untersuchung des Wortes Axt ergibt, dass es 1. mehr Laute als Buchstaben enthält und 2. dass die Aussprache des Wortes eine gewisse Ähnlichkeit mit der Anwendung einer Axt hat. So wie ein Holzfäller seine Axt emporhebt, um damit potentielle Energie aufzubauen, die dann, indem er die Axt niedersausen lässt, auf einen Schlag freigesetzt wird, so wird auch bei den beiden stimmlosen Plosiven, dem x und t, der aufgestaute Luftstrom im Rachen schlagartig freigelassen, wodurch explosionsartig Klang entsteht. Der Klang des Wortes führt uns also, ähnlich wie bei einem Onomatopoetikum, zu der Bedeutung hin, anders als beim Wort Beil, dessen Weichheit nichts mit der Tätigkeit, zu der man ein Beil braucht, gemein hat, und diese Diskrepanz zwischen Bedeutung und Klang, so wirkt es zumindest im Schweizerischen, versuchen manche Leute zu überwinden, indem sie dem B seine Stimmhaftigkeit nehmen und es fast wie ein P aussprechen, eine Art sprachlicher Ausfallschritt, etwa so, wie wenn man an einem regnerischen Tag durch die Fussgängerzone geht und einen langen Schritt macht, um jenseits der Pfütze wieder halbwegs trockenen Boden unter die Füsse zu bekommen.
Wer weiss, wie viele Stunden meines Lebens ich, scheinbar apathisch auf dem Bett oder Sofa gelegen bin und über solche Fragen nachgesonnen habe, und es gab Leute (nicht viele, aber es gab sie), die sagten: Er denkt zu viel, er sollte mehr aus sich machen, und als mich einmal jemand fragte: Was denkst du eigentlich, wenn du denkst? – da wusste ich nichts zu antworten, denn das, was ich damals dachte, war noch nicht spruchreif. Doch bereue ich keine Minute meines Lebens, die ich so nachsinnend zugebracht habe.
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Linksverkehr
In einem fremden Land gilt es, die feinen Unterschiede im Verhalten der Menschen zu erkennen (z.B. im Vergleich zu den kulturellen Gepflogenheiten, die den eigenen Alltag üblicherweise bestimmen): Wie man herumsteht, mit verschränkten Armen irgendwo ruhig angelehnt oder freistehend, das Körpergewicht ständig von einem Fuss auf den anderen verlagernd; Wie man die Finger durch die Haare gleiten lässt, zielstrebig in einem Zug bis zu den Haarspitzen oder mit schlingernden Bewegungen das Haar auflockernd; Wie man eine Zigarette zwischen den Fingern hält; Wie man seine Sachen packt und das Gepäck trägt, schleppt oder hinter sich her schleift; Rhythmus der Atmung; Gangart, stampfend oder schlurfend; Lautstärke und Tonlage der Stimme (je nach Situation); Wie lange man zögert, bis man jemandem zu Hilfe eilt; Wie lange man jemanden auf der Strasse in die Augen schaut, bis man wegblickt; und so weiter und so fort… das alles sind, wenn auch eher belanglose, so doch bemerkenswerte Kleinigkeiten und man kann sich ein spielerisches Vergnügen daraus machen, sie zu beobachten, zu imitieren und so mit der Umgebung zu verschmilzen, gewissermassen unsichtbar zu werden, denn für den feinsinnigen Reisenden gibt es nichts schöneres als unsichtbar zu sein.
Entscheidender, da sie die Sicherheit betreffen, sind gewisse Eigenheiten beim Autofahren. In Portugal, nachdem die Ampel bereits auf rot gewechselt hat, fährt oft noch ein letztes Auto über die Kreuzung, dafür lassen sich die Portugiesen, wenn die Ampel wieder auf grün wechselt, ordentlich Zeit beim Anfahren (nicht aus Nachlässigkeit, denn es ist ja zu bedenken, dass womöglich noch ein letztes Auto vom Gegenverkehr über die Kreuzung braust). Die Franzosen, nachdem sie einen auf der Autobahn schleppend überholt haben, drängen direkt vor einem auf die rechte Spur zurück und gehen vom Gas – so bremsen sie einen aus. Den Deutschen erlaubt das Gesetz genau ein Mal zu lichthupen, wenn sie überholen wollen – und sie wollen ständig überholen. Die Amerikaner formen dicht gedrängte, durch die allgemeine Verbreitung des Tempomats synchronisierte Blechlawinen wie sie in Europa undenkbar sind – denn dort trauen die Menschen dem Tempomat nur auf offener Strecke, sobald sich erste Anzeichen von stockendem Verkehr bemerkbar machen, treten sie (vielleicht aus Wut oder Ungeduld) wie wild mit beiden Füssen auf den Pedalen herum und sorgen gerade so dafür, dass der Verkehr tatsächlich ins Stocken kommt. In Marokko gilt zuweilen Rechtsvortritt im Kreisverkehr und für den Unkundigen bleibt unklar, ob er zwei- oder dreispurig zu befahren ist. Sich auf diese Feinheiten einzustellen, kann schwieriger sein als sich im Linksverkehr zurechtzufinden (falls man Rechtsverkehr gewohnt ist), denn dieser Unterschied ist offensichtlich und muss nicht zuerst herausgespürt werden. Zudem gilt für Rechts- und Linksverkehr die gleiche Regel: Als Fahrerin oder Fahrer hat man sich immer an die Mittellinie zu halten (sofern man ein dem Verkehr entsprechend gelenktes Auto fährt).
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Mein Leben als Pfosten
Es trifft mich selten und wenn, dann prallt es an mir ab. Der Abprall interessiert niemanden – es sei denn, ich stehe gerade in einem vollen Fussballstadion, dann geht ein lautes Raunen durch die Menge. Ansonsten schenkt man mir eher wenig Aufmerksamkeit, was mich nicht sonderlich stört. Zuweilen werde ich belächelt oder sogar beschimpft – ganz zu Unrecht.
Wir Pfosten dienen mit nüchterner Zuverlässigkeit, ohne jemals Dank zu verlangen. Sollte man uns für einmal nicht brauchen und uns achtlos in eine Ecke stellen, so sind wir auch zufrieden. Normalerweise sind wir schweigsam, aber heute richte ich ein paar Worte an euch Menschen, um euch das Leben eines Pfostens etwas näher zu bringen. Ich spreche für alle Pfosten, indem ich wir sage, denn wir Pfosten sind Familie, Berufsgattung und Seelenverwandte zugleich. Es gibt uns in den unterschiedlichsten Ausprägungen: Bettpfosten Türpfosten, Stützpfosten, Grenzpfosten, Eckpfosten, Leitpfosten und Torpfosten. Doch gibt es eine Art von Pfosten in dieser Welt, mit denen wir absolut nichts zu tun haben – nämlich Vollpfosten. Mit einem Vollpfosten haben wir so wenig zu tun wie ein Finanzinstitut mit einer Sitzbank oder eine Glühbirne mit Obst. Wir ordentlichen Pfosten aber, ja… wir sind einfach nur Pfosten. Einen dummen Menschen nach uns zu benennen, ist eine Beleidigung für alle Pfosten. Weder sind wir besonders dumm, noch besonders intelligent, wir sind stramm, dienstwillig, zuverlässig, unbeugsam, anspruchslos, nie beklagen wir uns, nie widersprechen wir, selten ändern wir unsere Meinung – kurzum, wir erfüllen alle Anforderungen, die ein Staatsbürger gemeinhin erfüllen sollte.
Ein Leben als Pfosten bringt einige Vorteile mit sich. Stellen wir uns in die Fussgängerzone, weichen uns die Leute aus. Tut dies jemand nicht, weil er beispielsweise in sein Smartphone vertieft ist, so schwingt der metallische Klang, der beim Aufprall des Schädels entsteht, angenehm in uns nach. Die darauffolgenden Flüche kümmern uns nicht. Beleidigungen können uns nichts anhaben, wir bleiben ruhig und lächeln ganz für uns, ohne uns etwas anmerken zu lassen. Wir Pfosten haben ein schlichtes Gemüt, nie verstricken wir uns in langwierige Erklärungsversuche über unsere Existenz, wir sind einfach da. Die Geisteshaltung der Epoche, in der wir leben, kümmert uns nicht.
Es gibt unschöne Momente. Es kommt vor, dass uns ein jähzorniger Mann packt, aus der Verankerung reisst, sofern wir in einer stecken, uns drohend in die Luft hebt und auf einen zarten Kinderrücken niedersausen lässt. Wir versuchen jeweils, uns möglichst weich und elastisch zu machen, um den Aufschlag abzufedern – viel nützt es nicht. Aber man tut, was man kann.
Es gibt einen Tag im Jahr, an dem wir mit einer ganz besonderen Aufgabe betraut werden. Dem allgemeinen Gehabe nach zu urteilen, muss es sich um einen sehr wichtigen Tag handeln. Eine rotweisse Fahne wird an uns hochgezogen. Wir verstehen es nicht, aber es gilt, Haltung zu wahren und stramm zu stehen. Gelangweilt schauen wir auf die Glatze des Redners herunter, der jedes Jahr mehr oder weniger das Gleiche sagt, und wir fragen uns, ob man zur Abwechslung nicht mal was anderes sagen könnte, aber es ist nicht unsere Aufgabe, weiter darüber nachzudenken.
Allzu leicht unterschätzt man die Aufgaben eines Pfostens. Was wäre ein Fussballspiel ohne Pfostenschuss? Eine Feier ohne gehievte Fahne? In der Nacht leuchten wir den Autofahrern und halten auch tagsüber die Verkehrsschilder gut sichtbar hoch. Wer weiss, wie viele Unfälle wir dadurch schon verhindert haben. Prallt jemand aus Unachtsamkeit in uns hinein, pflegt man zu sagen: blöder Pfosten. Aber man stelle sich vor, wir Pfosten würden eines Tages einfach unsere Arbeit niederlegen. Da würde rasch klar, was alles auf uns lastet. Der mangelnde Respekt ist vor allem ein europäisches Problem. In anderen Kulturen werden wir bemalt und verziert, man huldigt uns, ganze Kulte werden um uns herum veranstaltet. Doch das geht zu weit und entspricht nicht unserer bescheidenen Wesensart. Wir wollen nicht gefeiert werden. Genügsamkeit ist unsere Lebensmaxime.
Insgesamt ist das Leben eines Pfostens durchaus nicht so trostlos, wie man vielleicht denken könnte. Schweigsam und unauffällig, führen wir unser Leben mit Würde und Anstand.
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Fragmentarisches
So wie mich in der Literatur das Fragmentarische fasziniert, so fasziniert mich in der Malerei das Skizzenhafte. Die kleinen Bleistiftskizzen von Goya und Sorolla ziehen mich mehr in ihren Bann als ihre grossen Gemälde, und eine schlichte Kopfstudie aus Delacroix’ Skizzenbuch beeindruckt mich tiefer als die stramme Marianne, die mit Gewehr und wehender Nationalflagge über die Leichen hinwegschreitet. Lieber würde ich, falls ich die Möglichkeit dazu hätte, eine Skizze eines sogenannten »alten Meisters« erstehen als eines seiner Gemälde.
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Zwei Hände
An einem sonnigen Sonntagnachmittag sassen wir auf einer Parkbank am Quai und beobachteten die vorbeiflanierenden Menschen. Schräg gegenüber befand sich eine öffentliche Toilette, bei der man, da die Tür durch einen Stopper offengehalten wurde, in den Vorraum sah, wo sich die Pissoirs befanden. Ein junges Paar, ineinander verschlungen, näherte sich. Der Mann löste sich aus der Umarmung und suchte die Toilette auf. Sie wischte derweil auf ihrem Smartphone herum. Bald verliess der junge Mann, ohne sich die Hände zu waschen, die Toilette wieder und ging zu seiner Freundin hin, die ihre Hand in die seinige, mit der er soeben sein Geschäft verrichtet hatte, gleiten liess. Ist es nicht ungeheuer, sagte ich zu meinem Freund, dass sich in dieser Welt zwei Hände einfach so, in einer Selbstverständlichkeit, finden?
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Verfügung für den Todesfall
Am 1. September, ich weiss nicht mehr, vor wie vielen Jahren, ich erinnere mich nur noch, dass es der erste Tag des Monats war, rief mich mein Vater an und fragte, ob ich die Kopie seiner Patientenverfügung noch hätte. Ich bejahte. Er habe dazu noch eine Ergänzung, die ihm kürzlich eingefallen sei. Ich suchte seine Patientenverfügung aus einem Ordner hervor. Im letzten Teil befanden sich die Verfügungen für den Todesfall, wo mein Vater bei den meisten Punkten notiert hatte Das überlasse ich meinen Angehörigen, so auch bei den Hinweisen zur Gestaltung der Todesanzeige. Mein Vater sagte, ich solle dort ergänzen: Nehemia, Kapitel 8, Vers 10b: »Und bekümmert euch nicht; denn die Freude am Herrn ist eure Stärke«. Es gab in meinem Leben nicht vieles, fügte mein Vater an, über das ich mich freuen konnte, aber an diesen Vers habe ich mich oft erfreut.
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Stehpaddeln
Zwei Kinder sitzen auf dem Paddleboard. Die Mutter auf dem Bootssteg gibt ihnen genaue Anweisungen wie sie paddeln müssen, damit sie ein Foto machen kann. Zuerst ein Stück auf den See hinaus, dann zurück auf die Mutter zu. Gerader Rücken, aufrecht stehen, Knie leicht gebeugt, das Paddel ganz oben greifen, die Blume auf dem Paddel muss vorne sein. Nachdem sie das Foto gemacht hat, kommen die Kinder wieder an Land.
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Im Zug
Vor Jahren sass ich im Zug einer älteren Dame gegenüber, die sehr sympathisch wirkte, und ich stellte mir vor, sie wäre meine Mutter und wir würden nun gemeinsam irgendwohin fahren, zu einem Abendessen mit Verwandten oder an eine Ausstellung, wir würden uns amüsieren und wir könnten über alles lachen, und ich dachte auch an die vielen Ausflüge, die wir zusammen unternommen hatten, die Wanderungen und Ausfahrten, und wenn ich Geburtstag hatte, kochte sie mein Lieblingsessen, und immer versuchte sie all meine Fragen klar und genau zu beantworten… und wie ich so gedankenversunken im Zug sass, sagte ich auf einmal zur Dame: Ich habe mir soeben vorgestellt, sie wären meine Mutter. Können Sie sich auch vorstellen, ich wäre Ihr Sohn? Die Dame schaute mich einen Moment lang irritiert an und lachte dann los. Nie hatte ich ein so herzliches Lachen gehört. Warum nicht? sagte sie. Sie scheinen ein sympathischer, junger Mann zu sein, ich würde Sie schon als Sohn nehmen, wir würden bestimmt gut zusammen auskommen. Das berührte mich. Sie lachte immer noch und ich lachte ebenfalls. Lange war mir nicht mehr so etwas Schönes widerfahren. Als wir fertig gelacht hatten, sagte sie, ich sei ein ungewöhnlicher Mensch, sonst wussten wir nichts mehr zu sagen, wir lächelten verlegen, es trat ein betretenes Schweigen ein, und ich war froh, als die Haltestelle, wo ich aussteigen musste, endlich nahte, ich stand auf, verabschiedete mich und wünschte der Dame eine gute Weiterreise. Das wünsche ich Ihnen auch, sagte sie.
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Nachbarn
Wie kam es, dass die Menschen für mich immer namenlos geblieben sind? Die Menschen, die über mir, unter mir und neben mir lebten. Sogar die Menschen, die mich jetzt umsorgen. Wenn ich hin und wieder die Namen von den Briefkästen und Klingelschildern ablas, so sagten mir diese Namen nichts, es waren fremde Namen, die ich keinen bestimmten Menschen zuordnen konnte, und so vergass ich diese Namen bald wieder, es hätte nichts genützt, mir diese Namen zu merken, bedeutsam wären allenfalls Namen gewesen, die ich erfunden hätte, es wären meine ganz persönlichen Namen gewesen für unbekannte Menschen, die um mich herum lebten, über mir, unter mir, neben mir, und obgleich ich nie mit ihnen in Kontakt getreten bin, habe ich Anteil an ihrem Leben genommen, habe gelauscht, habe immerzu gelauscht, liegend, das Ohr an den Boden gepresst, oder an der Wand sitzend. Natürlich könnte ich die Geschichte meiner Nachbarn besser erzählen, wenn ich sie beim Namen nennen würde, wenn ich sagen könnte, Lukas, Simon oder Thomas hat unter mir gewohnt, aber das ist unmöglich, denn ich habe immer nur dumpfe Stimmen vernommen, keine Namen, ich habe eine Männerstimme und eine Frauenstimme unterschieden, ohne zu hören, wie sie sich nannten, und weil ich kein Bedürfnis verspüre, die beiden Stimmen zu benennen, sage ich, er hat unter mir gewohnt und konnte sich nicht von ihr trennen, weil ihm sonst jemand zum Streiten gefehlt hätte, abends wäre die Wohnung leer und still gewesen und die kahlen Wände hätten ihn angeschwiegen, unerträglich angeschwiegen, sie aber hat ihn nie angeschwiegen, sondern angeschrien, und er hielt es für nötig, sich zu verteidigen, und so ging es hin und her zwischen ihnen, jedes Mal, wenn er sich »daneben benommen« hatte und sie kurz davor war, ihn aus dem Haus zu jagen, bettelte er um Verzeihung, und sie hatte für sein Betteln nichts als Hohn übrig, und sollte er ihr eine Zeitlang keinen Grund liefern, nach Verzeihung zu betteln, dann begannen ihre Sticheleien von Neuem, bis er erneut ausrastete und sich »daneben benahm«, und wenn sie drohte, ihn zu verlassen, dann schrie er: Dann geh doch! Dann geh doch, wenn es dir nicht passt, wenn es so schlimm ist mit mir! Aber sie geht nicht, nein, natürlich geht sie nicht, jetzt zu gehen würde bedeuten, ihm zu gehorchen, also bleibt sie erst recht, zum Trotz, bei anderer Gelegenheit jedoch, als er überhaupt nicht damit rechnet, sagt sie: Mir wirds zu blöd, ich gehe jetzt. Sie zieht Mantel und Schuhe an, während er fassungslos daneben steht. Kaum ist sie zur Tür hinaus, stürzt er ihr nach, stolpert über die Türschwelle, fällt hin und packt, am Boden liegend, den Saum ihres Mantels und fleht sie an: Bitte geh nicht, bitte nicht. Krieg dich wieder ein, sagt sie kühl, ich schnappe nur ein wenig frische Luft. Kurz darauf kehrt sie zurück und tut so, als käme sie damit seinem Flehen nach, ihre Überlegenheit ist damit ein weiteres Mal bestätigt, obschon sie nie ernsthaft in Betracht gezogen hat, zu gehen, für immer zu gehen, sie behält Mantel und Schuhe an, bereit, wieder zu gehen, falls er sich nicht bereit erklärt, ihre Forderungen zu erfüllen, er will ihr den Mantel abnehmen, aber sie gibt ihm mit einer unwirschen Bewegung zu verstehen, dass der Mantel anbleibt, sie schnürt den Mantel sogar noch enger, und selbstverständlich willigt er in alle Forderungen vorbehaltlos ein und sie sind für einen Abend wieder versöhnt, wenn auch mit einem gewissen Widerwillen ihrerseits, denn sie will nicht, dass er meint, alles sei nun gut, und tatsächlich verstösst er bereits am nächsten Tag gegen eine Bedingung, indem er die halbvolle Bierflasche neben dem Sofa stehenlässt, was vielleicht verzeihlich gewesen wäre, wäre die Flasche nicht umgekippt und hätte sich das Bier nicht über den Teppich ergossen, nachdem sie, die Frau, unversehens, im Vorbeigehen, mit dem Fuss daran gestossen ist, und es ist nicht auszuschliessen, dass sie ein klein wenig nachgeholfen hat, indem sie so tat, als hätte sie die Bierflasche nicht gesehen und wäre ganz unbeabsichtigt daran gestossen, aber natürlich hat sie die Bierflasche sofort gesehen und sie hätte die Bierflasche vermutlich sogar gesehen, wenn sie nicht dort gestanden wäre, denn sie sieht überall leere und halbleere Bierflaschen, wo immer sie auch hinblickt, und sie weiss selbst nicht, über welche Hälfte sie sich mehr aufregt, über die getrunkene oder die stehengelassene, die sich über den Teppich ergossen hat. Auch wenn sie es für unnötig hält, jeden Abend ein Bier aufzumachen, so wäre es doch das Mindeste, das Bier ganz auszutrinken, oder jeden zweiten Tag ein ganzes Bier zu trinken anstatt jeden Tag ein halbes, aber nein, er macht jeden Abend ein Bier auf, schläft auf dem Sofa ein und wacht erst wieder auf, nachdem das stehengelassene Bier warm und ungeniessbar geworden ist, aber das kümmert ihn nicht, weil er das Bier längst vergessen hat und schlaftrunken ins Schlafzimmer schlurft, von wo er sogleich herbeizitiert und über das ausgelaufene Bier in Kenntnis gesetzt wird, was er mit einem kräftigen Rülpser kommentiert, dann sagt: Kannst du nicht aufpassen, wo du hintrittst. Ich? schreit sie. Ich, aufpassen? In der Tat hat sie die Flasche umgestossen, aber nur, weil er sie stehengelassen hat. Eine stehengelassene Flasche wäre bereits Anlass zum Ärger, aber die Frau hat sich bereits schon so sehr an herumstehende Bierflaschen gewöhnt, dass sie einen zusätzlichen Kick braucht, um sich ordentlich in Rage zu bringen, und eben diesen Kick führt sie elegant aus, aus dem Fussgelenk, als sie an der Bierflasche vorbeigeht, die sie angeblich nicht gesehen hat, dann stürmt sie ins Schlafzimmer und das gewaltige Donnerwetter ist im ganzen Haus zu hören. Noch Wochen später riecht der Teppich nach Bier, behauptet sie, obschon, ihm zufolge, ihre senile Katze seither mindestens drei Mal drüber gepisst habe, und beide knien an der umstrittenen Stelle auf dem Boden und pressen ihre Nasen auf den Teppich, wo sich die beiden Flüssigkeiten vermengt haben, er riecht Katzenpisse, sie riecht abgestandenes Bier, und beide sehen einen hässlichen, gelben Flecken, den auch der teuerste Teppichreiniger nicht zu beseitigen vermag, und dabei hat doch der Tierarzt gesagt, dass man der Katze, aufgrund ihrer kognitiven Dysfunktion, doch nur einen Gefallen erweisen würde… Only over my dead body! schreit sie und er sagt, es heisst Over my dead body, und sie sagt, hab ich doch gesagt, und er sagt nein, du hast Only over … gesagt, aber das sagt man nur auf Deutsch so Nur über meine… und sie sagt: Nerv mich nicht! Das also ist die Geschichte des Teppichflecks. Am folgenden Tag war es still in der Wohnung. Die Frau war tatsächlich ausgezogen. Eine Zeit lang lebte er noch allein in der Wohnung, hin und wieder vernahm ich Stimmen und Musik, sehr wahrscheinlich das Radio. Nach ein paar Monaten zog auch er aus und ein junges Paar zog ein. An ihrem ersten Abend tanzten sie zu Crazy Little Thing Called Love und die Frau stiess einen Freudeschrei aus. So habe ich gelebt unter den Menschen, die für mich namenlos sind, und für die auch ich namenlos bin.
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Der Buchdrucker
Die Eschenwelke breite sich weiter aus, sagte der Förster, allein diese Woche habe er wieder fünf kranke Bäume entdeckt. Es sei nichts zu machen. Zuerst bilden sich an den Blättern braune Nekrosen, die Blätter werden welk, verfärben sich, Triebe und Zweige sterben allmählich ab, bis schliesslich der ganze Baum eingeht. Der Förster liess das Blatt los, das er in der Hand gehalten hatte. Es schwebte herunter und landete sanft auf dem Waldboden. Auch die Fichtenbestände seien bedroht. »Kommen Sie mit«, sagte er, »ich zeige Ihnen etwas.« Er führte mich zu einer gefällten Fichte und zeigte auf eine Stelle am Baumstamm, an der er die Rinde entfernt hatte. »Hier sehen Sie das Werk des Buchdruckers. Er bohrt sich durch die Rinde und legt ein Brutsystem an. Im Gegensatz zum Kupferstecher, der eher Jungbäume bevorzugt, befällt er hauptsächlich Altfichten. Ist die Fichte geschwächt, wie jetzt nach langanhaltender Trockenheit, so gelingt es ihr nicht, den Buchdrucker durch die Produktion von Harz abzuwehren und er kann sich ungehindert ausbreiten. Das Männchen legt eine Rammelkammer an, in die er die Weibchen lockt und begattet. Jedes Weibchen wiederum bohrt einen Muttergang, in den es die Eier ablegt. Nimmt die Population überhand, wird der Wasserfluss im Baum unterbrochen, die Krone verrötet und schliesslich stirbt der ganze Baum ab.« Der Förster hält mir ein Stück Rinde entgegen. »Ein schönes Muster«, sagte ich. »Ja«, sagte er, »aber schädlich, bereits über zwanzig Fichten musste ich fällen.«
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Berliner
In einem kleinen Lebensmittelladen trat ich an die Theke und sagte: Einen Berliner bitte. Einen gewöhnlichen? fragte die Verkäuferin. Gibt es auch ungewöhnliche Berliner? fragte ich. Ja… meinte die Verkäuferin, es gibt auch solche mit Schokofüllung. Und das nennt man hier Berliner? fragte ich erstaunt. Dann nehme ich lieber einen gewöhnlichen Berliner mit Marmelade. Ein junger Mann, der neben mir stand, lachte lautlos.
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Chinesische Schriftzeichen
Wie chinesische Schriftzeichen, deren Bedeutung ich nicht kenne, erscheinen mir manchmal meine Gefühle. Mit viel Phantasie lege ich mir eine mögliche Bedeutung zurecht, aber ich ahne, dass ich damit ihren eigentlichen Sinn nicht erfasse. So bleibt mir nichts übrig als mich an den kunstvollen Formen zu erfreuen und über die Bedeutung hinwegzusehen. Vielleicht ist in China die Schriftmalerei noch heute von grosser Bedeutung. So, wie ein Kalligraf, konzentriert und in sich versunken, seinen Pinsel über das Papier gleiten lässt, so sitze ich da und fühle meine Gefühle nach. Ohne Reue gebe ich es auf, sie verstehen zu wollen, und sehe ein, dass zuweilen gerade das Unverstandene den höchsten Genuss bereitet. Dass Aufgabe Befreiung ist. Erleichtert lehne ich mich zurück, schweige ohne zu verstummen, und überlasse mein Gehirn sich selbst.
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Raucherpause
Der Arbeitskollege legt den Filter auf seine Unterlippe, wo er, wie von Geisterhand am Niederfallen gehindert, schwebt und sogar auf und ab zu hüpfen scheint, während der Arbeitskollege gedämpft spricht und lacht, den Tabak aus der Tüte klaubt, aufs eingefaltete Papier verteilt, den Filter einlegt und das Ganze mit einer geschickten Bewegung der Finger zu einer Zigarette dreht.
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2H Bleistift
Kürzlich habe ich meinen grünen 2H Bleistift, den ich seit langem vermisste, wiedergefunden und ich habe mich sehr darüber gefreut. In Spanien wollte ich einen neuen 2H Bleistift kaufen, fand aber keinen, und zu Hause war ich noch nicht dazu gekommen, einen neuen zu besorgen. Ich besitze zwei 2H Bleistifte einen grünen und einen gelben und der Gelbe ist schon fast ganz aufgebraucht, darum bin ich froh, den Grünen wieder zu haben. In der Schule mussten wir mit einem HB Bleistift schreiben, aber heute schreibe ich lieber mit einem 2H Bleistift. Die Linien geraten scharf und er hält lange hin, da man ihn nur selten spitzen muss. So wie beim Zeichnen ein 2H Bleistift hauptsächlich zum Vorskizzieren verwendet wird, so sind auch Bleistiftnotizen nur ein grobes Vorskizzieren dessen, was man später vielleicht einmal ausarbeiten wird – vieles bleibt jedoch blosse Skizze. Im übrigen ist es für mich fast unvorstellbar, mit einem Menschen befreundet zu sein, der den Unterschied zwischen einem HB und einem 2H Bleistift nie schätzen gelernt hat.
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Musikalische Menschen
Stets habe ich grossen Respekt, fast Ehrfurcht, vor musikalischen Menschen empfunden. Mir scheint, dass alle ihre Handlungen und auch ihre Sprechweise ganz von Musikalität durchdrungen ist. Bevor sie etwas sagen, so wirkt es, als suchten sie den passenden Ton, und diese Suche, sofern sie den passenden Ton nicht auf Anhieb finden, setzt sich während des Sprechens fort, indem sie Tonlage und Sprechgeschwindigkeit fortwährend nachjustieren, wie ein Schütze, der sein Visier nachjustiert, bis er sein Ziel genau trifft.
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Nur kurz verliess ich das Haus
– und als ich zurückkam, war die Welt verändert. Am Horizont sah ich die alte Welt verschwinden und alle meine bisherigen Sorgen erschienen mir auf einmal belanglos. Ich fragte mich, was nun zu tun sei, aber mir fiel nichts ein. Ich sass da und wunderte mich, wunderte mich darüber, dass ich nichts mehr verstand. Ich befühlte mit meinen Fingern einen Riss im Verputz. Meine Wohnung war staubig und ich war traurig. Draussen neigte sich ein Baum im Wind, ich vernahm ein leises Rauschen, und dachte daran, dass andernorts ein solches Rauschen von ungeheurem Lärm übertönt wurde. Ich stellte mir vor, wie es wäre, wenn ich jetzt meine Wohnung verlassen müsste und nicht wüsste, ob ich jemals zurückkehren würde, das wäre schlimm, schlimm wäre das, dabei hatte ich so oft an Flucht gedacht, weg für immer, irgendwohin, nur nicht hier, aber das waren Chimären. Könnte ich wählen, ich würde für immer bleiben.
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Lebenswandel oder …
… warum ich kein Lyriker geworden bin
Munter bleiben, Junge!
Auch wenn sich das Haar lichtet
Nicht in Rührung versinken
Abermals Ausholen
Niemals Rechenschaft ablegenMit 30 Jahren
Erinnerung an rebellische Zeiten
Vorhut einer beginnenden Trägheit
Mahnt die AufbruchstimmungViele Menschen werden sesshaft
Ehe man merkt
Dass man selber festsitztMit 40 Jahren
Noch nagt das Wissen
Um die letzte Chance
Noch einmal durchzustartenStolz auf die erlangte Reife
Ehe man merkt
Dass sie vorzeitige Totenstarre istMit 50 Jahren
Im besten Alter – und doch
Nach dem Zenit
Geht es nur noch runterViele wandelnde Leichen
Ehe man merkt
Dass man selber eine istMit 60 Jahren
Hilft nur noch Galgenhumor
Über die verpassten Chancen hinweg
Ruhestand als schwacher TrostMan geniesst die Ruhe
Ehe man merkt
Dass sie fast schon Grabesstille istMunter bleiben, Alter!
Auch wenn sich kein Haar mehr lichten kann
Der Hehre glänzt barhaupt
Würdevoll blüht er auf
Mit seinem Wanst